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EDITORIAL
Jörg Biallas
Praxistest entscheidet

Seit Menschengedenken ist Sex zu kaufen. Alle Versuche, der Prostitution aus moralischen Gründen Einhalt zu gebieten, sind gescheitert. Die Geschäfte wurden dann illegal betrieben und entzogen sich erst recht staatlicher Kontrollen und Sanktionen. Die Leidtragenden waren jene, die ihren Körper zu Markte trugen, meist Frauen.

Es ist eine individuelle Wertung, ob Prostitution gebilligt oder abgelehnt wird. Abschaffen wird dieses Geschäftsfeld niemand. Und deshalb gilt auch hier: Die angebotene Dienstleistung muss für die Prostituierte und für den Freier zu nachvollziehbaren, fairen Bedingungen abgewickelt werden. Dazu gehört zuvorderst, dass Prostituierte besser vor Ausbeutung und Willkür geschützt werden. Die Frauen müssen freiwillig arbeiten sowie verlässlich bezahlt werden.

Deshalb leuchtet es ein, wenn ein wesentlicher Baustein des in der vergangenen Woche erstmals im Plenum des Deutschen Bundestages beratenen neuen Prostitutionsgesetzes eine Erlaubnispflicht für Betreiber von Bordellen ist. Wer als nicht ausreichend zuverlässig gilt, gar durch einschlägige kriminelle Machenschaften im Rotlicht-Milieu aufgefallen ist, dem soll diese Lizenz verweigert werden. Das könnte besonders vor dem Hintergrund des widerlichen und menschenverachtenden Handels mit jungen Frauen aus anderen, ärmeren Nationen ein sinnvoller Ansatz sein (siehe nebenstehender Text).

Ob das tatsächlich funktioniert, wird freilich erst der Praxistest zeigen. Ähnlich übrigens wie die ebenfalls im Gesetzentwurf vorgesehene Pflicht zur Benutzung von Kondomen.

Für Diskussionsbedarf sorgt die geplante Auflage für Prostituierte, sich bei Kommunen registrieren zu lassen und jährlich eine gesundheitliche Beratung zu absolvieren. Betroffene und deren Interessenvertreter werten das als Schikane und Einschränkung der persönlichen Freiheit (siehe auch Gastkommentare auf der Seite 2).

Vermutlich wird auch ein neues Gesetz nicht dazu führen, die ebenso verniedlichend wie falsch als "käufliche Liebe" bezeichnete Prostitution umfänglich von Gewalt, Ausbeutung und Gesundheitsgefahren zu befreien. Es könnte aber dazu beitragen, Frauen besser als bisher vor gierigen Zuhältern und einfältigen Freiern zu schützen. Wenigstens das? Nein: immerhin das.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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