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UMWELT
Sören Christian Reimer
Wilderei-Krise hat »biblische Ausmaße« erreicht

Fachgespräch zum Wildtierhandel: Experten fordern bessere Kontrollen. Exotische Säugetiere im Trend

Es ist ein Milliardengeschäft: Jährlich werden im illegalen Handel mit Wildtieren nach Schätzungen der Natur- und Artenschutzorganisation WWF 19 Milliarden US-Dollar umgesetzt. Nur im illegalen Handel mit Drogen und Menschen sowie bei der Produktpiraterie werde mehr Geld verdient. Zirka 30.000 Elefanten fallen laut WWF dem Treiben der Wilderer vor allem im südlichen Afrika jährlich zum Opfer, denn ihr Elfenbein ist begehrt. Auch Nashörner stehen auf der Abschussliste ganz weit oben. 2015 seien 1.300 von ihnen getötet worden. Die Populationen könnten gar nicht so schnell nachwachsen, wie sie gejagt würden. Es sei eine "Wilderei-Krise".

Eine Ansicht, die auch Dietrich Jelden vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) teilt. Die Krise habe inzwischen gar "biblische Ausmaße" angenommen, sagte Jelden vergangene Woche während eines Fachgespräches zum Wildtierhandel im Umweltausschuss. Anders als während der Wilderei-Krise der 1980er Jahre, die vor allem "armutsgetrieben" gewesen sei, zeichneten nun teilweise paramilitärisch organisierte Gruppierungen mit politischen Verbindungen oder hochgerüstete kriminelle, Gruppen dafür verantwortlich.

Das Ausmaß der Krise beklagte auch John E. Scanlon, aber es gebe auch eine "gute Nachricht": Die internationale Gemeinschaft sei inzwischen aufgewacht. Scanlon ist Generalsekretär des Sekretariats des Übereinkommens über den internationalen Handel mit gefährdeten frei lebenden Tieren und Pflanzen (CITES). Die auch als Washingtoner Artenschutzabkommen bekannte Übereinkunft regelt den Schutz von etwa 5.000 Tier- sowie 29.000 Pflanzenarten und den Handel mit ihnen. Für vom Aussterben bedrohte Arten, etwa Elefanten, gilt ein generelles Handelsverbot. Deutschland ratifizierte die Übereinkunft vor 40 Jahren am 20. Juni 1976.

Wilderei, so Scanlon, bedrohe nicht nur Tiere, Pflanzen und das Ökosystem, sondern habe auch Auswirkungen auf die Lebensgrundlage der Menschen und den politisch-wirtschaftlichen Zusammenhalt der betroffenen Regionen. Um illegalen Handel einzudämmen, könnten zum Beispiel Strafvorschriften verschärft werden, um die Nachfrage zu senken, forderte Scanlon.

Nachfrage reduzieren Jörg-Andreas Krüger vom WWF betonte, dass neben der Bekämpfung der Wilderei und des illegalen Handels auch Infokampagnen und Umweltbildung notwendig seien, um gerade in Asien die Nachfrage über ein verändertes Kaufverhalten zu reduzieren. In Hinblick auf die Bundesrepublik und die Europäische Union sei zudem wichtig, Vollzug, Vernetzung und Kontrollen zu stärken. Der von der EU angeschobene Aktionsplan gehe in die richtige Richtung, müsse aber auch erstmal umgesetzt werden, sagte der WWF-Vertreter. Deutschland sollte den Wildtierhandel auch im Rahmen der im Dezember beginnenden G20-Präsidentschaft auf die Agenda setzen, forderte Krüger. Denkbar sei etwa ein Aktionsplan.

Rita Schwarzelühr-Sutter (SPD), Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, betonte, dass Deutschland bei der Bekämpfung der Wilderei und des illegalen Artenhandels eine führende Rolle spiele. Bei der im Herbst anstehenden Konferenz der CITES-Vertragsparteien werde sich die Bundesrepublik etwa dafür einsetzen, das hohe Schutzniveau für den Afrikanischen Elefanten zu erhalten. Auch das Thema Jagdtrophäen werde Deutschland bei der Konferenz ansprechen, machte BfN-Vertreter Jelden klar. Hintergrund ist, dass für Jagdtrophäen von Arten nach Anhang II des CITES-Abkommens zwar in der Regel eine Ausfuhrgenehmigung, aber keine Einfuhrgenehmigung benötigt wird. Deutschland strebe für diese Fälle eine Legalitäts- und Nachhaltigkeitsprüfung an. Auf EU-Ebene sei das für sechs Arten des Anhangs II schon gelungen, die Notwendigkeit einer Einfuhrgenehmigung zu etablieren, sagte Jelden.

Wildbörsen-Verbot Sandra Altherr von Pro Wildlife ging vor allen auf die Entwicklungen des Lebendtierhandels in Deutschland ein. Hier zeichne sich bei Privathaltern aktuell ein Trend zu exotischen Säugetieren ab. Insgesamt sei das Spektrum aber sehr breit. Bei einigen Arten würden auch Wildfänge importiert. Dies muss nach Ansicht von Pro Wildlife verboten werden. Altherr forderte zudem ein Verbot von gewerblichen Wildtierbörsen. Diese seien aus "Tier- und Artenschutzgründen" sehr bedenklich. Altherr kritisierte, dass die Bundesregierung im Koalitionsvertrag zwar angekündigt hatte, den Handel bundeseinheitlich zu regeln, Wildfang-Import zu verbieten und gewerbliche Tierbörsen zu untersagen, aber noch nichts davon umgesetzt habe.Sören Christian Reimer

Aus Politik und Zeitgeschichte

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