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Kolumbien
Klaus Ehringfeld
Endlich Frieden!

Über die Vereinbarung zwischen Regierung und Farc-Rebellen stimmt am 2. Oktober die Bevölkerung ab

I n diesen Tagen, in denen der Frieden zum Greifen nahe ist, kommt Elizabeth Yangana kaum zur Ruhe. Jede freie Minute ist sie unterwegs, um zu werben, zu überzeugen und für den Frieden zu kämpfen: An Feierabenden und an Wochenenden zieht die 45-jährige Kolumbianerin mit Freunden und Mitstreitern ihrer kleinen Nichtregierungsorganisation durch die Dörfer des Departements Cauca. "Semillas por la paz" - (Samenkorn für den Frieden) heißt die Kampagne, mit der Yangana ihre Landsleute dafür gewinnen will, beim Plebiszit über das Abkommen zwischen Farc-Rebellen und Regierung mit "Ja" zu stimmen. "Das Ja zum Frieden bedeutet ein Ja zum Leben, eine Chance, ein Kolumbien ohne Krieg aufzubauen", sagt Yangana, die kleine Samenkörner und die Umrisse ihres Departements auf ihren Oberkörper gemalt hat: "Territorio de Paz" - "Friedensgebiet", steht auf dem Rücken der Aktivistin.

Guerillas, Paramilitärs, Drogenkartelle Das bergige und grüne Cauca ist eine der Gegenden Kolumbiens, die am härtesten unter dem 52 Jahre währenden Bürgerkrieg gelitten hat. Hier ist eine der Ursprungsregionen der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC), mit der die Regierung nach drei Jahren und zehn Monaten währenden Verhandlungen vor kurzem einen historischen Frieden erzielte. Experten schätzen, dass die Linksguerilla phasenweise in mindestens 40 Prozent des Cauca vertreten war. Hier wurde im November 2011 der damalige Rebellen-Chef Alfonso Cano getötet. Das Cauca ist reich an Mineralien, Wasser und Kohle, eines der größten Koka-Anbaugebiete des Landes und zudem ein wichtiger Korridor zur Pazifikküste. Kurzum, in der Region bündeln sich fast alle Probleme des südamerikanischen Landes: illegaler Bergbau, Drogenschmuggel, Landraub, Erpressung. Und neben der Farc und der kleinen ELN-Guerilla mischen dort paramilitärische Gruppen, Drogenschmuggler und gewöhnliche Kriminelle mit.

Daher wird sich in Regionen wie dem Cauca entscheiden, ob der Frieden funktioniert, ob die Entwicklungsprogramme der Regierung greifen, die Koka-Substitution von den Bauern angenommen wird, die Landreform Erfolge erzielt. Und ob das Vakuum, das die FARC hinterlassen, nicht von rechten Banden oder der kleinen Linksguerilla ELN gefüllt wird. Auch mit der ELN strebt Präsident Juan Manuel Santo ein Friedensübereinkommen an.

Bereits mehrfach hatten Regierung und Farc in der Vergangenheit versucht, den Bürgerkrieg zu beenden. Die jetzt erfolgreichen Friedensgespräche mit der ältesten und größten Guerilla Lateinamerikas hatten in der Hauptstadt Havanna am 18. Oktober 2012 begonnen und sollten eigentlich nur einige Monate dauern. Vor dem Hintergrund der immensen Probleme, die es zu lösen galt, war dies unrealistisch. Die Konfliktparteien hatten fünf Punkte auf der Agenda: Sie mussten sich auf eine Landreform einigen, einen Kompromiss über die politische Beteiligung der Rebellen und der Bevölkerung finden, sich über neue Wege im Kampf gegen den Drogenhandel verständigen, über die Opferentschädigung befinden und die juristische Verantwortlichkeit der Rebellen klären.

Eine Chance Für Elizabeth Yangana ist das Abkommen von Havanna, das am heutigen Montag in Cartagena feierlich unterzeichnet wird, eine historische Chance, die man nicht verstreichen lassen kann. Sie weiß selbst, wie sehr das halbe Jahrhundert Krieg die Familien Kolumbiens zerrissen hat. Ihr Mann, ein politischer Aktivist, verschwand vor 22 Jahren spurlos. Da war die Frau gerade mit dem dritten Kind schwanger. Yangana selbst wurde wegen ihrer Gewerkschaftsarbeit von den Paramilitärs mit dem Tode bedroht und musste sieben Jahre nach Holland ins Exil. Heute arbeitet sie bei der Provinzregierung des Cauca. Als sie am 24. August die Nachricht vom Friedensschluss in Havanna hörte, brach sie erst mal in Tränen aus. "Nun waren doch vielleicht all die Toten, all die Verschwundenen, die für ein besseres Kolumbien gekämpft haben, nicht vergeblich".

Halbes Jahrhundert Krieg Der interne Konflikt, der 1964 begann, als Manuel Marulanda und Jacobo Arenas die Farc als Bauernguerilla organisierten, um mit Waffengewalt vor allem eine Landreform durchzusetzen, hat das drittbevölkerungsreichste Land Lateinamerikas ausgeblutet. Zwei Generationen von Kolumbianern kennen nichts anderes als den Krieg zwischen Farc und ELN auf der einen und Regierung und ultrarechten Todesschwadronen auf der anderen Seite. 220.000 Menschen starben in dem halben Jahrhundert einen gewaltsamen Tod. Mehr als sechs Millionen Binnenvertriebene hat das südamerikanische Land zu verkraften. Wirtschaft und Infrastruktur wurden durch den Krieg zurückgeworfen. Aber die gesellschaftlichen Verhältnisse, wegen derer die FARC einst zu den Waffen griffen, sind heute noch fast unverändert: Das Land ist unterentwickelt und arm, und die Schere zwischen arm und reich riesig.

Mit den Jahren verwässerte sich in Teilen der Guerilla dieser politische Anspruch. Die Farc entführten, rekrutierten unter Zwang, machten Kinder zu Soldaten, brandschatzten, mordeten und verschrieben sich in Teilen dem Drogenhandel. Doch auch der Staat und vor allem die Todesschwadronen begingen schwere Menschenrechtsverbrechen.

Dennoch hat der Krieg Millionen Kolumbianer wütend und hartherzig gegenüber den Farc gemacht. So etwa Jorge Ospina, Kaffeebauer aus der Kaffeezone Kolumbiens. "Die Guerilla hat meinen Großonkel getötet, Verwandte entführt und unsere Finca angegriffen. Es sind schlicht Banditen". Ospina findet die Strafen für die Farc-Täter, die das Abkommen vorsieht, lächerlich. "So kann es auch nur einen flüchtigen Frieden geben, der neue Gewalt sät", glaubt er. Ospina wird daher für "No" stimmen.

Auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) hält die Strafen im Friedensabkommen für zu gering. "Sie sind absurd unverhältnismäßig", kritisiert José Miguel Vivanco, Amerika-Direktor bei HRW.

Verantwortlichkeit Tatsächlich sind die Frage der juristischen Verantwortlichkeit und der politischen Beteiligung der Farc-Rebellen die größten Konfliktpunkte des Übereinkommens. Viele Kolumbianer wollen die Guerilleros, die sie als Mörder und Drogenhändler bezeichnen, nicht im Parlament sehen und können nicht verstehen, dass sie im besten Fall keinen Tag im Gefängnis verbringen müssen.

Das Kapitel zur Übergangsjustiz sieht vor, dass für politische Straftaten eine weitreichende Amnestie gewährt wird. Verbrechen gegen die Menschlichkeit und schwere Kriegsverbrechen werden hingegen mit Strafen zwischen fünf und acht Jahren geahndet, wenn die Täter geständig sind und den Opfern Reparation leisten. Ob diese Strafe im Gefängnis verbüßt wird, hängt vom Fall ab. "Gitterstäbe und Häftlingskleidung wird es für die geständigen Täter nicht geben," sagt Ariel Ávila, Experte von der Stiftung "Frieden und Aussöhnung". Wer nicht geständig ist und schuldig gesprochen wird, dem droht bis zu 20 Jahre gewöhnliche Haft.

Vor allem dagegen richtet sich die Kampagne des "No" zum Friedensprozess, die vom Rechtsaußen und Ex-Präsidenten Álvaro Uribe angeführt wird. Der Senator der Partei "Centro Democrático" macht massiv Stimmung gegen das Abkommen. Er und seine Partei wollen sich auch nicht damit abfinden, dass die Rebellen in einer Übergangsphase sichere Sitze im Parlament haben sollen. Bei der Parlamentswahl 2018 werden den FARC-Kandidaten fünf Plätze im Senat und fünf im Abgeordnetenhaus garantiert, sollten sie die Drei-Prozent-Hürde nicht nehmen. "Demokratien werden nicht gestärkt, wenn die FARC für ihre Massaker und den Drogenhandel mit Mandaten und Straflosigkeit belohnt werden", ist Uribes ständig wiederholte Kritik.

Leichter Vorsprung für das "Ja" Und daher ist nicht ganz klar, ob das Referendum am 2. Oktober das nötige Quorum erzielt, wenn die jahrelangen Verhandlungen von Havanna auf eine simple Frage runtergebrochen werden, die das Volk mit "Ja" oder Nein" beantworten muss: "Unterstützen Sie das endgültige Abkommen zur Beendigung des Konflikts und den Aufbau eines stabilen und dauerhaften Friedens?" Umfragen sehen einen leichten Vorsprung für das "Si". Um das Übereinkommen anzunehmen oder abzulehnen, müssen mindestens 13 Prozent der Wahlberechtigten an die Urne gehen. Das sind 4,5 Millionen Kolumbianer.

Für Elizabeth Yangana ist klar, dass das Land mit überwältigender Mehrheit "Ja" sagen wird. Sie nimmt eine veränderte Stimmung in Kolumbien wahr. "Alle sprechen vom Frieden", sagt sie. "Kinder spielen ohne Angst auf der Straße, ich sehe mehr Menschen, die lächeln, Bauern fangen wieder an, ihre Felder zu bestellen. Und ich habe keine Angst mehr, wenn Hubschrauber am Himmel stehen." Zudem rufen Schriftsteller, Künstler und Sportler dazu auf, mit "Si" zu stimmen.

Elizabeth Yangana wird bis zum 2. Oktober jeden Tag ein bisschen mehr für den Frieden werben "Es ist die wichtigste Abstimmung unserer Geschichte, weil wir unseren Kindern nicht das Recht auf ein Leben ohne Krieg verweigern können".

Sollten die Kolumbianer das Friedensabkommen akzeptieren, werden sich die verbliebenen 15.000 Kämpfer und Milizionäre (städtische Verbindungsleute) der Farc in 28 Demobilisierungsgebiete zurückziehen, dort nach und nach unter Aufsicht der Vereinten Nationen ihre Waffen niederlegen und mit der Reparation beginnen. Spätestens in dem Moment werden die Kolumbianer wirklich daran glauben, dass der Frieden da ist.Klaus Ehringfeld

Aus Politik und Zeitgeschichte

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