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Emmanuel Todd: Wer ist Charlie? Die Anschläge von Paris und die Verlogenheit des Westens. C.H. Beck, München 2015; 236 S., 14,95 €
Alexander Weinlein
Kurz rezensiert

"Je suis Charlie" (Ich bin Charlie) - unter diesem Motto demonstrierten Millionen von Menschen in Frankreich und in anderen Ländern Anfang Januar vergangenen Jahres nach dem Terroranschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" in Paris ihre Solidarität mit dem Satiremagazin. Doch der prominente französische Soziologe Emmanuel Todd möchte mit "Charlie" nichts zu tun haben. Im Gegenteil. Er kritisiert die "Charlie"-Demonstrationen als eine weltweite hysterische Pegida-Welle, bei der sich Demokraten und Antidemokraten gemein gemacht hätten: Vermeintlich im Kampf gegen den Terrorismus und für die Meinungsfreiheit, in Wirklichkeit aber lediglich für das fragwürdige Recht, den Islam und die Muslime zu verhöhnen.

Angesichts der 17 Todesopfer der Anschläge auf das Satiremagazin und zwei Tage später auf einen jüdischen Supermarkt stellt Todds These ohne Zweifel eine brachiale Provokation dar. Und so sorgte die Veröffentlichung seines Buches in Frankreich für heftige Kritik. Immerhin, Todd versucht seine These mit soziologischen Daten über die geschätzten vier Millionen "Charlie"-Demonstranten in Frankreich zu untermauern. So stammten die meisten dieser Demonstranten aus der gehobenen französischen Mittelklasse aus Städten und Regionen, die traditionell gegen den Laizismus und für den Katholizismus einstehen würden. Die Arbeiter aus den Immigranten-Vorstädten seien hingegen auf den Demonstrationen kaum vertreten gewesen. Todd sieht dies als Zeichen dafür, dass sich sein Land von den Werten der französischen Revolution "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" verabschiedet habe.

Man muss sich dieser höchst problematischen Beweisführung wahrlich nicht anschließen. Allerdings ist seine Kritik, dass die Anschläge zu einer Art von nationalem Schulterschluss geführt hätten, der abweichende Meinungen kaum zugelassen habe, zumindest erst zu nehmen. Dies zeigt auch die mitunter schrille Diskussion in Deutschland nach den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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