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Parlamentarisches Profil
Hans Krump
Die Goldschmiedin: Bettina Hagedorn

Steuersenkungsdebatten hält die SPD-Haushälterin Bettina Hagedorn für "nicht angemessen" - obwohl die Staatseinnahmen in Deutschland von Jahr zu Jahr steigen. Man müsse die Etatrisiken wie höhere Zinsen oder einen Konjunktureinbruch sehen, sagt Hagedorn. Zudem: "Die laufenden Investitionen in die Infrastruktur sind nicht in zwei, drei Jahren abgearbeitet. Da müssen wir dranbleiben. Auch das entlastet künftige Generationen, wenn wir ihnen keine maroden Straßen, Brücken, Schulen und Polizeistationen hinterlassen." Sorgen bereitet ihr die "Spaltung der Gesellschaft", was das Thema Gerechtigkeit neu anfache. Entlastungen kann sich die holsteinische Politikerin am ehesten bei den Sozialabgaben vorstellen.

Können all die Milliarden-Investitionen beim Straßenbau, bei der Bahn, den Wasserstraßen oder beim Netzausbau bewältigt werden angesichts der Personalengpässe und des aufwändigen Planungs- und Umweltrechts hierzulande? "Wir sind am Limit - wir brauchen dringend mehr Planungspersonal bei den öffentlichen Verwaltungen in Bund und Ländern", sagt Hagedorn. Dabei hat die Große Koalition schon enorm in Personal investiert, von der Bundespolizei über den Zoll bis zur Wasser- und Schifffahrtsverwaltung und der Bundesagentur für Arbeit. Dazu zähle auch, dass die Hamburger Bundeswehr-Universität 20 neue Professoren-Stellen für technische Berufe bekommen habe. Besonders freut sich die Küstenbewohnerin Hagedorn über die jetzt beschlossene Anschaffung von fünf neuen Korvetten für 1,5 Milliarden Euro für die Marine, die angesichts der neuen Aufgaben unter anderem im Mittelmeer nötig seien. Ob sie auch in Kiel gebaut werden, sei unklar. Hagedorn: "Wichtig ist, dass die Aufträge nach Deutschland kommen."

Zu den "hohen Risiken" beim Etat gehören laut Bundesrechnungshof (BRH) die Flüchtlingskosten, die bis Ende 2020 auf rund 80 Milliarden Euro geschätzt werden. "Natürlich kostet die Integration sehr viel Geld. Aber das Ganze kann auch eine große Chance für Deutschland sein, wenn uns die Integration derer, die hier bleiben, diesmal besser gelingt als in den vergangenen Jahrzehnten." Die Abgeordnete erinnert auch an die demografische Entwicklung Deutschlands.

Bettina Hagedorn sitzt seit 2002 für den Wahlkreis Ostholstein-Stormarn/Nord - anfangs zweimal direkt gewählt - im Bundestag, im Haushaltsausschuss und in dessen Unterausschuss, dem Rechnungsprüfungsausschuss. In dieser Legislaturperiode führt sie den Prüfungsausschuss, ein selten erwähntes, aber "wichtiges und höchst effektives Gremium", wie die 60-Jährige findet. Zusammen mit dem BRH wird die Bundes-Haushaltsführung geprüft und umgesetzt, dass diese künftig besser läuft. Hagedorn: "Wir sind das Controlling der Regierung."

Die gebürtige Kielerin ist einzige gelernte Goldschmiedin im Bundestag. Auf dieses Metier ("ein großartiger Beruf") ist sie stolz und meint, erst als Politrentnerin darin wieder arbeiten zu können. Hagedorn: "Man braucht für das Goldschmieden kreatives Vorstellungsvermögen, man muss mit wertvollen Werkstoffen umgehen können, braucht eine handwerklich solide Ausbildung und viel Geduld." Alles Schlüsselqualifikationen für eine Haushälterin im Bundestag.

Schleswig-Holsteins SPD-Vizechefin wird auch dem Bundestag 2017 angehören - für ihren Wahlkreis wurde sie erneut aufgestellt, ein vorderer Platz auf der SPD-Landesliste ist ihr sicher. Dabei liegt sie auch mal quer zur Parteilinie. So beim deutsch-dänischen Projekt eines Fehmarnbelttunnels, der durch ihren Wahlkreis führen würde. Dagegen wendet sich Hagedorn seit 15 Jahren, weil sie ihn für eine "falsche Investition" hält. "Dafür könnte man locker den Nord-Ostsee-Kanal sanieren und die Elbquerung samt der A20 finanzieren." Die kleine ostholsteinische Gemeinde Kasseedorf ist seit 40 Jahren Wohnort von Bettina Hagedorn. Dort war sie lange kommunalpolitisch tätig und auch Bürgermeisterin. Zwei ihrer drei Söhne leben dort. Mit den drei kleinen Enkelkindern zusammenzusein, ist für sie das schönste Hobby. Und das Werkeln im Garten. "Das ist Therapie statt Arbeit."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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