Inhalt

TIM MARSHALL: Der Macht der Geographie, Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2015; 304 S., 22,90 €
Alexander Weinlein

TIM MARSHALL: Der Macht der Geographie, Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2015; 304 S., 22,90 €

Der bekannte britische Fernsehjournalist Tim Marshall hat das Thema Geopolitik für sich entdeckt. Ihm geht es um die Frage, welchen Einfluss die Geographie auf Geschichte und Zeit, auf Macht und Politik, hat. Das Buch profitiert von Marshalls Analysen der weltpolitischen Ereignisse aus über 30 Jahren Berichterstattung für Sky News und BBC. Er verschaffte sich in dieser Zeit einen eigenen Eindruck von zahlreichen Konflikten auf dem Balkan, im Irak und Syrien, in Gaza und Afghanistan.

Auf unterhaltsame Weise beschreibt Marshall anhand von zehn Karten von Russland, China, den USA, Westeuropa, Afrika, dem Nahen Osten, Indien und Pakistan, Korea und Japan, Lateinamerika sowie der Arktis die Geschichte und die Politik der jeweiligen staatlichen Akteure. Zugleich wagt er sich mit Prognosen über den Fortgang der Ereignisse immer wieder aus der Deckung. Frei nach dem Motto: Regierungen kommen und gehen, die Geographie bleibt. Schließlich können Bergketten, Flüsse oder Meere nicht einfach verschoben werden. Laut Marshall sind sie bis heute die entscheidenden Faktoren, die die Handlungen der Regierungen bestimmen.

Marshall ist sicher, dass im Nahen Osten, in Afrika sowie in den russischen Grenzgebieten auch in Zukunft Kriege ausgetragen werden. Wie die Strategen im Kreml bewertet auch Marshall die Nato-Erweiterung in den postsowjetischen Raum als Bedrohung Russlands. Besonders aufmerksam analysiert er die Ukraine-Krise und argumentiert, mit einer Nato-Mitgliedschaft Kiews werde für Russland eine rote Linie überschritten. "Präsident Putin hatte eigentlich keine Wahl - er musste die Krim annektieren", nicht wegen der russischsprachigen Ukrainer, sondern wegen Sewastopol, dem Heimathafen der russischen Schwarzmeerflotte. Warum diese Frage für Russland "existentiell" sei, vermag Marshall allerdings nicht überzeugend zu begründen. Das gilt auch für seine steile These, dass Russland auch in 100 Jahren noch "angstvoll nach Westen blicken wird, über die Ebene, die eine Ebene bleibt".

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag