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Einheitsdenkmal
Gabi Dolff-Bonekämper
Großer Sockel

Das Projekt in Berlin ist eine Premiere in der Denkmalpolitik der Nachkriegszeit. Es bleibt eine anspruchsvolle Aufgabe

Was wir derzeit in Berlin erleben, ist in der Denkmalpolitik der vergangenen Jahrzehnte in Deutschland eine Premiere. Mit dem geplanten Freiheits- und Einheitsdenkmal soll erstmals in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands ein zu uneingeschränkt positiver Identifikation einladendes Nationaldenkmal entstehen. Kein Trauermal, kein Mahnmal, nicht noch eine weitere Gedenkstätte, die sich in die stilistisch variantenreiche Berliner Erinnerungstopographie einfügen würde, in der es vor allem um die Verbrechen und Opfer des Nationalsozialismus geht. Der feste Wille der Berliner Akteure, sich dieser Vergangenheit zu stellen, lange verschüttete Orte auszugraben, wie die Gestapo-Zentrale an der Wilhelmstraße, und sie zu Orten der Vermittlung zu machen, ist weltbekannt.

Stelenfeld Die überaus kontroverse Debatte um die formale und konzeptuelle Angemessenheit des Denkmals für die ermordeten Juden Europas zog sich durch zwei Wettbewerbe, eine ganze Serie von öffentlichen Expertenanhörungen und unzählige Fachgespräche, Zeitungsbeiträge und Bücher über viele Jahre hin, bis schließlich das Stelenfeld von Serra und Eisenman gebaut wurde. Seitdem sind viele weitere Denkmale hinzugekommen, Berlin wurde zu einem Zentrum zeitgenössischer Memorialkunst. In diesem Umfeld muss sich das neue Freiheits- und Einheitsdenkmal mit seiner ganz anderen Widmung künstlerisch und konzeptionell behaupten.

Mit seinem Beschluss von 2007, das Freiheits- und Einheitsdenkmal zu errichten, griff der Deutsche Bundestag eine erste Initiative von 1998 auf. Er finanziert nun den Bau des im künstlerischen Wettbewerb von 2010 prämierten, seinerzeit von Johannes Milla gemeinsam mit der Choreographin Sasha Waltz eingereichten Entwurf. Das Denkmal soll bald gebaut werden, obwohl es vielfach kritisiert wurde und deutlich teurer werden soll als ursprünglich geplant. Die wegen der Kostensteigerung im vorigen Jahr erteilte Absage durch den Haushaltsausschuss des Bundestages hat sich eher noch verstärkend ausgewirkt.

Das Denkmal ist den Männern und Frauen gewidmet, die im Herbst 1989 in der DDR auf die Straße gingen, um dort, im öffentlichen Raum der Städte, laut und ungeschützt Kritik und Widerspruch zu äußern und, womöglich noch gravierender, in ihren treffsicher komischen Demo-Sprüchen führende Politiker in aller Öffentlichkeit zu verspotten. Das kostete Mut, es war gefährlich - und es ging schließlich gut aus. Weil kein Regierender und kein Protestierender zu körperlichem Schaden kam, die vergreiste Führung abtrat und der Weg zu ersten freien Wahlen gebahnt wurde, sind keine Opfer zu beklagen. Weil die Bewegung egalitär organisiert war und an vielen Orten Viele mitwirkten, sind keine individuellen Helden zu feiern, sondern ein kollektiv errungener Sieg über das alte Regime. Was entstehen soll, ist also ein ziviles Siegesdenkmal ohne Opfer und ohne Helden.

Damit fallen Formelemente und auch Stimmungselemente weg, die man aus zahlreichen anderen Staatsgründungs- und Siegesdenkmalen kennt. Es gibt kein Grab, keine Flamme, keine Stele, keinen Obelisken, keine hohe Säule, keine Fackel, keine allegorischen Figuren. Und für mögliche protokollarische Staatshandlungen entfallen Trauer, Schweigeminute, Kranzniederlegungen und militärisches Zeremoniell. Wie sympathisch, möchte man ausrufen! Aber auch: wie schwierig! Welche in der Kunstgeschichte tradierten Motive der Denkmalkunst sind da überhaupt brauchbar? Wie können Zweck und Botschaft künstlerisch formuliert werden? Die Wettbewerbsaufgabe warf Gestaltungsprobleme auf, mit denen sowohl die Teilnehmenden als auch die Juroren zu ringen hatten. Das größte Problem aber war - und ist - die Basis des Ganzen: der Ort. Gemeint ist hier nicht der unbesetzte Ereignisort, an dem am 4. November 1989 die Rednertribüne nicht stand und wo auch sonst keine entscheidenden Ereignisse der Wendezeit stattfanden. Gemeint ist vielmehr der architektonische Ort, der ja ausdrücklich gewählt wurde, sich aber als gestalterische Falle erwies: der viel zu große Sockel.

Der Sockel: er war als ein Stück Denkmalgeschichte stehengeblieben, als 1950 das auf ihm errichtete sehr, sehr große Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal abgerissen wurde. An ihm war alles überdimensioniert: die Treppen, die Sockel, die Tierfiguren und Allegorien und, über allen anderen, das kaiserliche Reiterdenkmal. Seiner baulichen und skulpturalen Elemente und seiner politischen Widmung beraubt, hatte er - der Sockel - die neue Ordnung im Zentrum der Hauptstadt der DDR nicht weiter gestört. So hat er alle Hauptstadtprojekte der DDR und auch die Wettbewerbe der 1990er Jahre in der Berliner Republik überdauert. Was lag also näher, als seine Nachnutzung für das Freiheits- und Einheitsdenkmal? Seine Lage am Rande des am meisten umstrittenen Ortes der Berliner Nachwendegeschichte, gleich vor dem an der Stelle des Palastes der Republik neu zu errichtenden Schloss, konnte nicht zentraler und kaum günstiger sein. Natürlich war und ist es erforderlich, die programmatische und politische Distanz zum Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal zu betonen, denn mit dessen imperialer Geste, autoritärer Monumentalität und neubarocker Überladenheit wollte man nichts zu tun haben. Auf der Webseite der Deutschen Gesellschaft, in der sich die Unterstützer organisiert haben, wird der Ort des Denkmals denn auch als "die Schlossfreiheit" bezeichnet und nicht mehr als der historische Sockel des Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals.

Goldene Schale Aber die schiere Größe des historischen Sockels hat sie hinterrücks eingeholt. Was auf dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal Pferd und Reiter, Figuren, Allegorien und Tierfiguren, allesamt weit überlebensgroß, auf steinernen Postamenten und bronzenen Sockel besetzt und gefüllt haben, soll nun, in Millas Entwurf, eine einzige, weit geschwungene goldschimmernde Schale füllen. Die Gigantomanie des Figurendenkmals wird damit übernommen, nicht konterkariert. Die Schale als Form ist in der Denkmalkunst bislang nur als Accessoire, etwa in Gestalt von Feuerschalen auf Kriegerdenkmalen und in olympischen Stadien vorgekommen, allerdings nicht in der im Denkmalentwurf gewählten langgestreckten Form. Diese findet sich in der Geschichte der Dekorationskunst, etwa in den eleganten Vasen und Schalen des Art Deco, oft aus opakem Glas oder aus edlem Gestein und auf ebenso eleganten Sideboards platziert. Der Denkmalentwurf macht sie zu einer Großform, die, ohne eigene Bedeutung, doch weithin wirken soll, als Bühnenbild, das die Besucher bespielen werden. Denn die Schale wird, wie allgemein bekannt, beweglich sein. Die Besucher sollen sich, im Nachempfinden der Bewegung, die die Bürger von 1989 ausgelöst haben, der Erfahrung hingeben, dass mehrere Personen gemeinsam mehr wiegen als eine allein und dass man so die Schale in die eine oder die andere Richtung zur Neigung bringen kann. Das mag gelegentlich Heiterkeit auslösen. Aber es bleibt vollkommen unpolitisch. Als Denkmal für die mutigen Bürger von 1989, die sich auf die Straße begaben und zu ebener Erde gegen die in ihrem Sonderreich erhoben lebende politische Führung protestieren, ist die monumentale Schale nicht geeignet.

Das bringt mich zur Aufschrift, die am Boden der Schale zu lesen sein wird. Dort sollen die beiden berühmten Sätze erscheinen, die als Parolen in den Straßen der Städte gerufen wurden, und zwar in Großbuchstaben und ebenfalls im monumentalen Überformat. WIR SIND DAS VOLK. WIR SIND EIN VOLK. Das waren, ohne jeden Zweifel, die wichtigsten Parolen des Jahres 1989 und jeder, der oder die dabei war, wird noch wissen, warum er oder sie wann welche der beiden laut gerufen hat. Welchen Sinn sie als monumentale Inschrift auf der Denkmalschale machen sollen, ist mir nicht ersichtlich. Die Parolen werden auf diese Art weder historisiert, was dringend erforderlich wäre, wenn man bedenkt, wie viele Berliner Bürger und Besucher keine Ahnung von der Geschichte der Wende haben, noch werden sie aktualisiert, was interessante und wichtige Fragen der Zugehörigkeit heutiger Leser und möglicher Zuhörer aufwerfen würde. Sie werden vielmehr banalisiert und unter ihrem eigentlichen Wert angeboten. Ein alter Freund aus Westdeutschland formulierte das so: "Der Spruch ,Wir sind das Volk´ wird im Denkmal erniedrigt und verliert so einen Teil des wirklich bewegenden Pathos, das mit ihm verbunden war." Das kann nicht das Ziel der geplanten Denkmalsetzung sein. Es ist der Vorschlag gemacht worden, einen anderen der drei seinerzeit von der Wettbewerbsjury prämierten Entwürfe umzusetzen.

Das könnte eine Lösung sein, wäre aber mit demselben Problem konfrontiert: der Sockel wäre auch dafür zu groß. Das Projekt stoppen, einen andern Ort wählen, andere Formmöglichkeiten erkunden und vielleicht ganz andere Akteure beteiligen - all das wäre möglich. Das wunderbare an einer parlamentarischen Demokratie ist doch, dass man einen einmal gefassten Beschluss, zum Beispiel auch den zur Errichtung eines schlechten Denkmals für einen guten Zweck, immer noch ändern kann.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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