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STÄDTEBAU
Hanna Gersmann
Stadt mit Natur

Grau und öde war gestern. Die Kommunen müssen grüner werden - für ein besseres Klima, gesündere Luft und weniger Tristesse. Angesichts knapper Flächen geht ein Trend in die Höhe

Dallas, eine typische amerikanische Glitzermetropole mit einer Skyline aus Stahl und Glas, will die grünste Stadt der USA werden - und die Fluss-aue des Trinity Rivers, der sich mitten durch die Stadt zieht, in einen "Nature District" mit enormem Ausmaß umwandeln: 40,5 Quadratkilometer umfasst das Gebiet, gut zehn Mal so viel wie der Central Park in New York.

Nicht minder spektakulär ist der erste unterirdische Park, die Lowline, den New York plant. Im Südwesten Manhattans gibt es bereits die Highline, eine zum Park umgebaute ehemalige Hochbahnstrecke. In den neuen unterirdischen Park soll zwischen Brooklyn und der Lower East Side an einer einstigen Endstation für die Straßenbahn Sonnenlicht unter die Erde geleitet werden.

Denn: Grau und öde war gestern. Architekten und Politiker holen allerorten die Natur in die Stadt. Geht es nach ihnen, sollen die Metropolen von morgen anders aussehen: grüner, blühender, schöner. Auch in Deutschland.

Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich beschrieb schon 1965 in "Die Unwirtlichkeit unserer Städte" die Gesichts- und Herzlosigkeit der Ballungsräume. Vor allem die gut verdienenden Einwohner flüchteten aus den Wohnquartieren und Mietshäusern der Stadt ins Eigenheim im Grünen. Anfangs nahmen die Kommunen das einfach hin. 1999 legten Bund und Land dann aber das Programm Soziale Stadt auf.

"Mittlerweile zieht es die Menschen wieder zurück in die Ballungsräume, sie wollen in der Nähe ihrer Arbeit wohnen, dort aber auch, etwas romantisch, das Land finden", sagt Eiko Leitsch. Er ist Vizepräsident des Bundesverbandes Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau, der die Initiative "Grün in die Stadt" gegründet hat. Doch geht es um mehr als Romantik.

Wie eine Klimaanlage Voraussichtlich im Jahr 2030 wird ein Fünftel der Bevölkerung in den 14 größten deutschen Städten wohnen. In Metropolregionen wie Berlin, München, Hamburg, aber auch in Stuttgart, Frankfurt am Main oder Köln-Bonn-Düsseldorf werden die Einwohnerzahlen um mehr als zwei Millionen steigen. So geht das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) davon aus, dass in den nächsten Jahren bundesweit jedes Jahr 250.000 neue Wohnungen gebaut werden müssen. Nur: Einfach so weiter bauen wie bisher geht nicht. Das hat vor allem zwei Gründe.

Erstens: Bürgermeister kämpfen derzeit mit grenzwertigen Luftbelastungen, mit Feinstaub und Schadstoffen. Aber Pflanzen filtern die Luft. Zweitens: Mit der Erderwärmung nehmen Starkregen zu, die schon in diesem Sommer die Straßen überflutet haben. Hitzewellen, die den Menschen zu schaffen machen, auch. Grünflächen speichern Wasser, lindern oder verhindern sogar Überschwemmungen, und sie regeln wie eine Klimaanlage die Temperatur.

Es gilt die Faustregel: Die Temperaturen in Städten können im Vergleich zum Umland um bis zu zwölf Grad steigen; Asphalt und Beton sind Wärmeinseln. Begrünte Dächer und Hauswände kühlen indes Gebäude im Sommer ab, und dicht bewachsene Parks, Gärten, Rasenflächen wirken als Frischluftschneisen im Häusermeer. Grün löst nicht alle Probleme. Doch ohne ein Mehr davon werden Kommunen, die zukunftstauglich sein wollen, nicht auskommen.

Längst treibt es Städter zum Gärtnern. Sie schaffen Beete auf Balkonen, in Innenhöfen und Parks, holen die landwirtschaftliche Produktion etwa in die "Prinzessinnengärten" mitten in Berlin oder auf das "Gartendeck", das Dach einer Tiefgarage in Hamburger Stadtteil St. Pauli. Die Stadt Andernach am Rhein macht es ihren Bewohnern besonders einfach: Sie hat auf öffentlichen Brachen am Fluss Obst und Gemüse angebaut. Was dort wächst, dürfen alle pflegen und pflücken. Andere imkern derweil. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Bärbel Höhn hat gemeinsam mit ihrem SPD-Kollegen Martin Burkert im Hof des Paul-Löbe-Hauses, einem Gebäudekomplex des Bundestags, einen Bienenstock aufgestellt.

Doch machen städtische Grünflächen derzeit gerade mal neun Prozent der Siedlungsfläche in Deutschland aus. Je größer die Städte sind, desto weniger grüne Fläche steht pro Einwohner zur Verfügung. Genauer: In Großstädten kommen auf jeden Einwohner im Schnitt 46 Quadratmeter Grün, in Kleinstädten sind es fast doppelt so viele. Zudem gibt es innerhalb der Orte Unterschiede. Besonders wenig Grün findet sich in sozial benachteiligten Vierteln.

50 Millionen Euro Die Bestandsaufnahme findet sich im "Grünbuch Stadt", das Barbara Hendricks (SPD), Bundesministerin für Bauen und Umwelt, im vergangenen Jahr vorgelegt hat. Darauf folgte vor wenigen Monaten das "Weißbuch" mit Empfehlungen, wie Fassaden, Dächer, Straßen und Plätze grüner werden. Seit diesem Jahr stellt der Bund über die Städtebauförderung zudem 50 Millionen Euro für das neue Programm "Zukunft Stadtgrün" bereit. Die Politik entdeckt das Thema, weiß aber auch um das Dilemma, vor dem Planer stehen. "Wo Verdichtung Prinzip und politische Verpflichtung ist, wird Freiraum zum knappen Gut", konstatiert Hendricks.

Die Planer in Singapur haben vorgemacht, was möglich ist. Singapur ist am dichtesten besiedelt und gilt doch als eine der grünsten Städte der Welt. In dem südostasiatischen Stadtstaat ranken von den Gebäuden Pflanzen, sprießt es auf Dächern. Immer mehr Städte setzten nun auf Alternativen zum Park.

Im Jahr 2014 ging der Internationale Hochhauspreis bereits an den Bosco Vertical in Mailand: Ein Wohnkomplex aus zwei Türmen, 78 und 122 Meter hoch, an denen 900 Bäume und 500 Sträucher wachsen. Nicht Fläche fressen, sondern in die Höhe gehen - der französische Gartenarchitekt Patrick Blanc gilt als europäischer Vorreiter. Mittlerweile gibt es zwar auch die ersten seiner "Murs Végétaux", seiner grünen Wände, in Deutschland, an der Fassade des Berliner Kaufhauses Galeries Lafayette und im Pressecenter der Frankfurter Messe. Doch andere Länder sind Deutschland noch immer voraus.

"Architekten, Bauherren, Politiker haben hierzulande noch viel zu große Vorurteile gegenüber der grünen Infrastruktur", sagt Silvia Gonzalez von der Umweltorganisation Green City in München. Zersetzen sich begrünte Wände? "Nur wenn das Mauerwerk schon beschädigt ist, würde zum Beispiel Efeu das Problem vergrößern. Ist das Mauerwerk aber in Ordnung, schützen Kletterpflanzen es sogar vor Wettereinflüssen." Halten die Dächer? "Natürlich müssen die statischen Voraussetzungen gegeben sein. Aber ein Kiesdach kann gegen eine extensive Dachbegrünung problemlos ausgetauscht werden." Und rechnen sich Installation und Pflege? "Ein begrüntes Dach hält doppelt so lange wie ein Kiesdach. Das macht es lohnenswert, zumal auch das Leben für die Menschen besser wird." Mehr Schatten. Besseres Klima. Weniger Tristesse. In München, im Arabellapark, kann sich das nun beweisen, dort soll ein "grüner Turm" mit 15 Stockwerken gebaut werden.

Vertikales Grün ist aber nur das eine. Der Mensch fühle sich erst wohl, sagt Landschaftsplaner Leitsch, "wenn er im Radius von 300 Metern eine echte Grünfläche findet, wo er auch mal flanieren oder joggen kann." Ihn treibt dabei eins um: "Wir brauchen neue Stadtbäume." Vor zwanzig Jahren sei die Ulme klassisch gewesen, bis ihr ein Schädling den Garaus gemacht habe. Nun mache sich der Klimawandel bemerkbar und die Linde, selbst die Platane, käme mit der Hitze nicht mehr mit. Leitsch ist sich sicher: "Für die Städte brauchen wir exotische Arten, die Hitze und Frost ertragen, etwa aus dem Kaukasus."

Das hören Naturschützer nicht gern, die auf heimisches Gehölz Wert legen. So was müsse jetzt geklärt werden, meint Leitsch. Klar sei: "Wir müssen die Stadt zuerst vom Grün aus denken."

Die Autorin ist Chefredakteurin des Magazins "taz.Futurzwei".

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