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Ortstermin: Das Bienenvolk im Bundestag
Eva Bräth
Signal gegen das Insektensterben

Schwarz, gelb, grün - wie passt das zusammen? Das ist die Frage, die das politische Berlin in diesen Tagen umtreibt. Die Unterhändler der vier Parteien sondieren im Gebäude der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft, gegenüber dem Reichstagsgebäude. Nur wenige Meter Luftlinie entfernt, in einem Innenhof des Paul-Löbe-Hauses, gibt es einen Staat, der die Schwierigkeiten der Regierungssuche nicht kennt. Das Oberhaupt ist dort ganz klar die Königin, gelb-braun sind ihre Farben. Sie herrscht über die rund 50.000 Honigbienen, die seit 2016 auf der Fläche zwischen Umwelt- und Verkehrsausschuss leben.

Die gelb-braunen Bewohner kamen auf rot-grüne Initiative in das Parlamentsgebäude. Die Idee hatte Grünen-Politikerin Bärbel Höhn, ehemals Vorsitzende des Umweltausschusses. Mit dem Bienenvolk wollte sie an das Insektensterben in Deutschland erinnern. Sie holte den sozialdemokratischen Nachbarn Martin Burkert mit ins Boot. Der ehemalige Vorsitzende des Verkehrsausschusses sei sofort dabei gewesen. "Wenn die Bienen sterben, stirbt der Mensch", das will er verdeutlichen mit seinem Einsatz für das emsige Volk. Wahrscheinlich steht für Burkert bald der Auszug aus den Ausschussräumen an. Ihm sei es wichtig, dass das Projekt dann weitergeführt wird.

Die Bundestagsbienen haben nach Höhns Ausscheiden aus dem Parlament schon einen neuen Schirmherrn gewonnen. Ihr Parteikollege Oliver Krischer hat die Bienen-Patenschaft übernommen. "Anhand der Bundestagsbienen kann man sehr gut thematisieren, dass gerade die wilden Bienenverwandten vom Aussterben bedroht sind", sagt auch er.

Sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Daniel Holstein hat bereits im Büro von Höhn die Bienen betreut. Er kontrolliert Gesundheit und Futtervorrat der Tiere, achtet auf Sauberkeit und Belüftung des Stocks und schleudert auch den Honig. Mit fachlichem Rat steht ihm ein Dozent für Bienenhaltung der Freien Universität Berlin zur Seite.

Im November schwirren die Bienen kaum mehr aus, sie haben sich in den Stock zurückgezogen. "Über zehn Grad wird geflogen, darunter traut sich keine Biene raus", erklärt Holstein. Nicht nur die zunehmende Kälte macht den Insekten jetzt zu schaffen, sondern auch die weit verbreitete Varroamilbe. Nach dem Blick in den Stock ist der Hobbyimker überzeugt: Eine "ordentliche Ladung" Ameisensäure ist nötig. Die Säure träufelt er auf ein Vliestuch, das er im Verdunster in den Stock stellt. Die Bienen dürfen nicht geschwächt in den Winter gehen.

Die Honigausbeute aus dem Sommer kann sich sehen lassen: Rund 80 Kilogramm Blütenhonig haben die 50.000 Bienen produziert. Der Ertrag ist höher als der ihrer Artgenossen auf dem Land. Statt Monokulturen gibt es in der Stadt ein vielfältiges Blütenangebot. Im Tiergarten und auf der Flaniermeile "Unter den Linden" finden die Bienen etwa Robinien, Kastanien und Linden. Besonders mache den Honig der Japanische Schnurbaum, sagt Holstein. Er sei immer wieder erstaunt, wie gut der Honig direkt vom Imker schmecke, betont auch Krischer. "Kein Vergleich zum Honig aus dem Supermarkt."

Ob die Politik etwas von den Bienen lernen kann? Sehr interessant und hochintelligent sei die Organisation des Bienenstaates, sagt Burkert. Krischer verweist auf die demokratischen Abstimmungsprozesse, wenn ein Teil des Bienenvolkes eine neue Bleibe sucht. "Die Kundschafterinnen schlagen per Tanz und Duftstoffen neue Standorte vor, die von den anderen Bienen inspiziert werden. Wenn alle Kundschafterinnen einen Standort tanzen, es also einen Konsens gibt, setzen sich rund 10.000 Bienen zur neuen Bleibe in Bewegung", erklärt er. Das sei schon beeindruckend. "Die Biene wäre auch ein gutes Wappentier für den Bundestag", ist Krischer überzeugt.Eva Bräth

Aus Politik und Zeitgeschichte

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