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Ortstermin: Gedenkstunde zum Volkstrauertag
Volker Müller
»Europa wird von der ganzen Welt gebraucht«

Die Flagge vor dem Reichstagsgebäude weht an diesem Tag immer auf Halbmast: Der Volkstrauertag soll zu Versöhnung, Verständigung und Frieden mahnen. Die Vertreter der Verfassungsorgane haben am 19. November in Berlin der Toten von Krieg und Gewaltherrschaft gedacht. In der Gedenkstunde zum Volkstrauertag im Plenarsaal des Bundestages würdigte der estnische Ministerpräsident Jüri Ratas die Bedeutung Europas für den Frieden.

Ratas betonte, dass der "unablässige Schutz der Menschenrechte" die Gesellschaft festigt und ein "unabdingbares Mittel für die Aufrechterhaltung des Friedens" ist. Um die Stabilität des Friedens müssten sich alle kümmern und dafür Verantwortung übernehmen, sagte Ratas, der derzeit auch Präsident des Rates der Europäischen Union ist.

Er plädierte für ein politisches Ideal, "das uns hilft, besser zu leben". Aus diesem Grund "brauchen wir Europa" und werde Europa "von der ganzen Welt gebraucht". Die Institutionen der Europäischen Union würden helfen, Anzeichen von Feindschaft, Gier und Aggressivität entgegenzutreten. "Es gibt nur eine Welt und einheitliche Regeln. Mit anderen Worten, vertraue mir und handle so, dass auch ich dir vertrauen kann. Die Bedeutung dieser Botschaft kann man nicht hoch genug schätzen", sagte der 39-jährige Regierungschef.

Ratas betonte außerdem die Vorreiterrolle Deutschlands bei der Aussöhnung. Helmut Kohl sei ein großer Europäer und enger Freund Estlands gewesen. "Unser aller Verpflichtung ist es, die Früchte seiner Arbeit und seiner Vision vom geeinten Europa in Frieden zu ehren."

Der Frieden in Europa lebe trotz der vergangenen Kriege. Frieden sei ein praktischer und emotionaler Wert, da er "eine Form des Existierens und des Selbstempfindens als Mensch in dieser Welt" darstelle: "Frieden ist das Bewusstsein dafür, wie zerbrechlich und heilig das Leben ist."

Zuvor hatte der Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Wolfgang Schneiderhan, daran erinnert, dass der Volksbund im staatlichen Auftrag über 830 Soldatenfriedhöfe im Ausland pflegt. "Nur indem wir, ohne Schuld zu pauschalisieren, zu unserer Geschichte und zu der mit ihr verbundenen Verantwortung wahrhaftig stehen, schaffen wir die Voraussetzungen, mit unseren ehemaligen Kriegsgegnern gemeinsam unserer Opfer zu gedenken", sagte der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr. Ein solches gemeinsames Gedenken sei nicht selbstverständlich, und man sei dankbar für die "ausgestreckten Hände der Zusammenarbeit".

Mit dem 75. Jahrestag der sowjetischen Offensive zur Befreiung Stalingrads verband Schneiderhan die Hoffnung, dass durch die gemeinsame Erinnerung Versöhnung, Toleranz und Friedensfähigkeit zu "Imperativen unserer menschenwürdigen gemeinsamen Zukunft werden können".

Schülerinnen und Schüler der deutsch-russischen Schulkooperation des Friedrichsgymnasiums Kassel und des Gymnasiums der westsibirischen Stadt Nowy Urengoi in der Russischen Föderation berichteten von ihrem gemeinsamen Projekt, sich mit den Biografien deutscher Kriegsopfer in Russland und sowjetischer und tschechischer Kriegsopfer in Deutschland zu beschäftigen.

Das Totengedenken an die Opfer von Gewalt und Krieg sprach Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Die Gedenkveranstaltung steht traditionell unter der Schirmherrschaft des Bundestagspräsidenten.

Der Volksbund betreut im Auftrag der Bundesregierung die Gräber von etwa 2,7 Millionen Kriegstoten auf 833 Kriegsgräberstätten in 46 Staaten.Volker Müller

Aus Politik und Zeitgeschichte

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