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Lehrerausbildung
Mirko Heinemann
Im Praxisschock

Der Druck an den Schulen steigt. Muss eine Reform her?

Einen besseren Beruf als Lehrer könne er sich gar nicht vorstellen, erzählt Jürgen Herzfeld, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Der Mittvierziger hat lange als Angestellter in einem Medienbetrieb in Berlin gearbeitet. Jetzt will er den Job an den Nagel hängen. Stattdessen interessiert ihn ein Quereinstieg in den Lehrerberuf, am liebsten an einer Grundschule. Als Schulfach schwebt ihm Lebenskunde vor. "Da kann man die Kinder mit Experimenten und Vorträgen begeistern", stellt er sich vor. Von seiner pädagogischen Eignung ist er überzeugt. Seine Nichten hingen ihm an den Lippen, und überhaupt könne er mit Kindern gut umgehen. Vom Schuldienst erhofft er sich familienfreundlichere Arbeitszeiten. Sein Sohn wurde im vergangenen Jahr eingeschult. "Wir hätten beide nachmittags frei und immer gleichzeitig Ferien", schwärmt Herzfeld.

Ob seine Begeisterung dem Alltag an der Schule auf Dauer standhält? Allein ist Herzfeld mit seinem Wunsch jedenfalls nicht. Der Quereinstieg in den Lehrerberuf wird derzeit unter Akademikern in Berlin heiß diskutiert. Dahinter steht ein dramatischer Lehrermangel in der Hauptstadt, der sich seit Jahren verstärkt. Zwar klagen auch Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen über eine wachsende Zahl offener Stellen. Aber in Berlin, wie auch in Sachsen, sind die Zahlen erschreckend. In der Hauptstadt mussten in diesem Schuljahr 40 Prozent der Lehrerstellen von Quereinsteigern besetzt werden. In Sachsen waren es mehr als 50 Prozent.

Falsche Prognosen Die Gründe für den Lehrermangel in vielen Ländern sind vielfältig. Zu den geburtenstarken Jahrgängen kamen falsche Wachstumsprognosen. Mancherorts stieg der Bedarf aufgrund bildungspolitischer Entscheidungen wie Ganztagsunterricht und Inklusion. Dazu zogen mehr Menschen aus dem Ausland hinzu, außerdem im Jahr 2015 hunderttausende Kinder, die als Flüchtlinge nach Deutschland kamen.

Vor dem Lehrermangel habe die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) frühzeitig gewarnt, stellt der stellvertretende Vorsitzende der GEW, Andreas Keller, fest. Es sei aber müßig, den Ländern vorzuwerfen, dass sie diese Entwicklung verschlafen haben. "Wir müssen mit dem Mangel umgehen - und in dieser Notlage sind Quereinsteiger notwendig", sagt Keller. "Zugleich aber müssen wir gewährleisten, dass die Qualität der Lehrerausbildung nicht sinkt."

Prinzipiell gibt es sechs verschiedene Lehramtstypen, je nachdem, an welcher Schule später gelehrt wird: Grundschule, weiterführende Schulen der Sekundarstufen 1 oder 2, Berufsschulen und Förderschulen. Die GEW möchte durchsetzen, dass Quereinsteiger "nachqualifiziert" werden, dass sie also berufsbegleitend ein Lehramtsstudium absolvieren. Und sie appelliert an die Länder, schnell mehr Studienplätze für Lehrer zu schaffen.

Mancherorts geschieht das schon. Berliner Universitäten etwa haben die Zahl der Studienplätze für das Lehramt an Grundschulen um ein Drittel angehoben. Abgesehen davon, dass es noch einige Jahre dauern wird, bis der Effekt eintritt: Ausreichen wird das wohl nicht. Eine Berechnung der Bertelsmann-Stiftung kommt auf dramatische Zahlen - bis 2025 soll es 1,1 Millionen mehr Schüler geben, als die Kultusministerkonferenz erwartet hat. 50.000 Lehrer würden dann fehlen.

Nur noch zwei Lehrämter? Vor diesem Hintergrund setzt sich die GEW für eine Reform und Modernisierung der Lehrerbildung ein. Dazu gehört auch die Digitalisierung. "In den Curricula kommt die digitale Bildung nicht vor. Wichtig ist uns, dass sie in die Lehrerbildung hineingehört - und zwar nicht im Rahmen eines Zusatzfachs Informatik, sondern fächerübergreifend", betont Keller. Außerdem solle Schluss sein mit der Zersplitterung der Lehrerbildung in viele unterschiedliche Schulformen. "Unser Vorschlag ist eine Stufenlehrerausbildung mit nur noch zwei Lehrämtern: Primarstufe und Sekundarstufe." Die Vereinfachung hätte auch den Vorteil, dass Lehrer flexibler einsetzbar wären.

Der Deutsche Philologenverband, der Gymnasiallehrer vertritt, ist dagegen, die Trennung in der Lehrerausbildung aufzuweichen. "Die fachliche Qualifikation ist uns sehr wichtig", erklärt Thomas Langer, Vorsitzender der Jungen Philologen und Lehrer an einem Gymnasium in Leipzig. "Für Lehrer in Grund- und Oberschule muss der Schwerpunkt stärker auf den pädagogischen Fähigkeiten liegen. Am Gymnasium hingegen benötigen wir Lehrer für die Wissenschaftspropädeutik, also Lehrer, die in der Lage sind, die Studierfähigkeit der Absolventen herzustellen."

Ryan Plocher hält dagegen. "Wir bilden allzu oft nur noch Studienräte für Gymnasien aus, statt Lehrer für alle", kritisiert Plocher, der seit vier Jahren an einer Gemeinschaftsschule mit Oberstufe in Berlin-Neukölln lehrt. Er war einer der Letzten in Berlin, der ein zweijähriges Referendariat - heute heißt es "Vorbereitungsdienst" - absolvierte. Heute sind es nur noch 18 Monate. Der unter Lehrern legendäre "Praxisschock" sei aber auch bei ihm nicht ausgeblieben. "Nach dem Referendariat wurde ich Klassenlehrer einer siebten Klasse. Darauf hat mich niemand vorbereitet. Das war eine echte Feuerprobe."

Inklusion ist anstrengend Vor allem die Inklusion nötigt dem jungen Lehrer, der sich in der GEW engagiert, große Anstrengungen ab. "Meinen Unterricht muss ich um meine Schüler mit Förderbedarf herum konzipieren", erklärt er. In dieser Hinsicht hätte er sich im Studium eine bessere Qualifizierung gewünscht. "Alle Lehrkräfte brauchen heute eine Grundqualifizierung in Sachen Inklusion", bekräftigt GEW-Vize Keller. Sie sei nicht allein für die Integration von Menschen mit und ohne Behinderung wichtig, sondern der zunehmend heterogenen Schülerschaft geschuldet. Zum einen steige der Anteil der Kinder mit Zuwanderungshintergrund, zum anderen besuchten im Zuge der Inklusion immer mehr Schüler mit Förderbedarf eine allgemeine Schule. "Wenn wir perspektivisch, wie es die UN-Behindertenrechtskonvention vorsieht, kein separates System von Förderschulen mehr haben werden, werden wir Sonderpädagogen an allen Schulen brauchen", so Keller.

Die GEW fordert mehr Programme zur Unterstützung von Berufseinsteigern, in denen sie lernen, ihre Zeit besser einzuteilen, mit Belastungen umzugehen und das in der Ausbildung Gelernte im Schulalltag anzuwenden. Der Philologe Thomas Langer hingegen meint, das derzeitige Studium ermögliche ausreichend Praxiserfahrungen. Er wendet sich aber auch gegen eine weitere Schrumpfung des Vorbereitungsdienstes, der vielerorts bereits von 24 auf 18 Monate verkürzt wurde. Ein "Turbo-Referendariat" von 12 Monaten Dauer, wie es in Sachsen vorübergehend eingeführt wurde? "Der völlig falsche Weg."

Praxisnahe Ausbildung Die Ausbildung zum Lehrer ist aufwändig. Lehramtsanwärter müssen mindestens zwei Unterrichtsfächer studieren, dazu kommen pädagogische Fächer wie Fachdidaktik und Erziehungswissenschaften. Das Studium wird mit Bachelor und Master oder erstem Staatsexamen abgeschlossen. Anschließend absolvieren die angehenden Lehrer an einer Schule den Vorbereitungsdienst, also das Referendariat. Orientierungspraktika am Anfang des Studiums sowie studienbegleitende Praktika, während derer die angehenden Lehrer ihre Berufseignung selbst überprüfen können, sind in den meisten Bundesländern Pflicht. Am Ende des Referendariats legen die angehenden Lehrer ihre Prüfung zum zweiten Staatsexamen ab.

Quereinsteiger hingegen müssen einen akademischen Abschluss haben, aber keine pädagogische Ausbildung. Wo Not herrscht, werden sie derzeit eingestellt und im Schnellverfahren nachqualifiziert. Voraussetzung ist ein Masterabschluss in einem gesuchten Fach, meistens sind das naturwissenschaftliche Fächer oder Mathematik. Sie werden dann quasi berufsbegleitend zum Lehrer ausgebildet. In Sachsen etwa geht es nach einer dreimonatigen Einstiegsfortbildung direkt in den Vorbereitungsdienst. Nebenbei besuchen sie Seminare mit pädagogischen und fachlichen Inhalten. Nach anderthalb bis zwei Jahren schließen die Quereinsteiger ihr Referendariat mit der Prüfung zum zweiten Staatsexamen ab.

Eine Dauerlösung kann das nicht sein, das ist allen Akteuren klar. Ein Quereinstieg ist nicht nur eine ungeheure Belastung für die neuen Lehrer, die im Hauruck-Verfahren in den Unterricht eingesteuert werden, sondern schlägt auch auf die Motivation der angehenden Lehrkräfte. Wenn ein Quereinstieg ohne weiteres möglich ist, warum dann überhaupt das vergleichsweise aufwendige Lehramtsstudium absolvieren?

Lehrermangel anders lösen Die Lehrerausbildung in ihrer jetzigen Form sei im internationalen Vergleich spitze, betont Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands (DL) und Schulleiter eines bayerischen Gymnasiums. Den Praxisanteil hält er für ausreichend, hingegen hake es an der Betreuung der Praktikanten. "Es gibt einfach zu wenige Personalressourcen dafür." Um den Praxisschock angehender Lehrer zu dämpfen, bringt Meidinger eine andere Option ins Spiel. Er plädiert für einen Eignungstest - am besten noch vor Studienbeginn. Im Rahmen eines solchen Assessments könne der junge Mensch selbst ausloten, ob er die persönlichen Voraussetzungen für den Lehrerberuf mitbringt, so der DL-Präsident. "Ist er stressresistent? Verfügt er über genügend Selbstbewusstsein und eine ausreichend stabile Persönlichkeit, die dem starken Druck der Kinder und Jugendlichen im Klassenraum standhält?"

Die Rahmenbedingungen für die Ausbildung zu verändern, um auf den Lehrermangel zu reagieren, hält der Lehrervertreter für falsch. Er sieht die Bundesländer in der Pflicht, langfristig die Lehrerversorgung sicherzustellen - und damit die Qualität der deutschen Bildung. Denn: "Je höher an einer Schule der Anteil derjenigen ist, die keine qualifizierte Lehrerausbildung haben, desto schlechter sind die Lernergebnisse an der Schule."

Der Autor ist freier Journalist in Berlin.

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