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Mobilität
Kristina Pezzei
Über alle Grenzen

Eine Gesellschaft im Wandel verlangt nach neuen Mustern für die Fortbewegung

Größer, schneller, weiter, und vor allem immer mehr: In den vergangenen Jahrzehnten standen die Zeichen bei Mobilitätsfragen ausschließlich auf Wachstum. In den Nachkriegsjahren bediente die Autobranche das Bedürfnis nach Konsum und Freiheit, die Stadtplanung schuf die entsprechenden Grundlagen und passte ihre Leitbilder an. Von der autogerechten Stadt war es nur ein Sprung zum autogerechten Land, bis das Flugzeug mindestens zum Geschäftsreisemittel der bevorzugten Wahl geworden ist. Entsprechend haben sich Dimensionen verschoben: Galt in den Nachkriegsjahren eine Sommerfrische in den Alpen als Luxus, zählt heute die Urlaubsreise nach Neuseeland zum Normalprogramm für den bürgerlichen Mittelstand.

Die Mobilität der Gegenwart scheint jede Grenze eingerissen zu haben; Bewegung und Beweglichkeit sind in unserer Gesellschaft zum Grundbaustein geworden. Längst können wir mobil sein, auch wann und wie wir wollen - zumindest gilt das für die meisten Bevölkerungsgruppen in den meisten Gegenden des Landes. Damit wird Mobilität zum Spiegel einer Zeit, die vom Wunsch nach Individualität, Flexibilität und Digitalisierung durchdrungen ist. Andere Lebensbereiche wie Arbeitswelten, Konsummuster oder Sozialverhalten wandeln sich im gleichen Maße und wirken wiederum auf das Mobilitätsverhalten von Menschen. Wer im Home Office sitzt, steht nicht im Stau. Wer flexible Arbeitszeiten genießt, joggt während der Rush Hour und macht sich danach auf den Weg ins Büro, oder umgekehrt. Selbst wer im Stau steht, muss nicht immobil sein - die Telefonkonferenz lässt sich auch per Mobilschaltung bestreiten.

Scheinbar grenzenlose Freiheit Ob Auto auf Abruf, Lastenrad nach Bedarf, die spontane Wochenend-Flugreise oder der Einkauf, der eben an die Wohnungstür gebracht werden soll - spätestens seit all diese Dienst- und Verkehrsleistungen per App und Knopfdruck bestellt werden können, verstärken sich die Trends gegenseitig. Mehr noch: Individualisierung, Flexibilisierung und Digitalisierung beeinflussen Mobilität nicht nur, sondern prägen sie in entscheidendem Maß. Es geht nicht mehr um das Ob, sondern höchstens noch um das spontane Wie. Die so gewonnene Freiheit scheint grenzenlos, und sie eröffnet völlig neue Dimensionen abseits des konkreten Bodens unter den Füßen. Längst sprechen Wissenschaftler vom multimobilen Zeitalter, bewerten die durch digitale Lösungen angestoßenen Prozesse als ähnlich umwälzend wie jene, die die Erfindung des Automobils vor mehr als einem Jahrhundert mit sich brachte.

Es geht selbst im Autoland Deutschland nicht mehr nur um Schlaglöcher in den Straßen, um verspätete Züge und zu schmale Radwege, kurze Ampelschaltzeiten oder um die Diskussion, wie viele Flughäfen eine Hauptstadt braucht. Diese Fragen sind zweifelsohne wichtig, sie berühren quasi das Mobilitäts-Grundgerüst unseres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systems. Doch gleichzeitig sind wir schon weiter: Mobilität meint heute auch Datenströme, Energieflüsse und Konzepte abseits von Diesel und Benzin.

Mobilitätsforscher beschäftigen sich auch mit der Vernetzung von Städten, von Verkehrsmitteln, von Kommunikationssystemen. Ein Großteil der Projekte, die um eine "Smart City" kreisen, dreht sich um Mobilitätsfragen weit über den Alltagsverkehr hinaus: Logistik, Güterverkehr, Datenmanagement zwischen persönlichem Schutz und effizienter Mobilitätssteuerung, auch darum geht es. Vieles davon ist schwerer vorstellbar, als es die fühlbaren Schlaglöcher auf der Stadtautobahn sind. Gleichwohl, diese virtuellen Wirklichkeiten existieren längst. Der Wert von Datenautobahnen hat den von Bundesfernstraßen mindestens eingeholt. Damit bringen die Trends unserer Zeit eine Bewegung, die die Schattenseiten ihrer Entwicklung lange ausgeblendet hat, an ihre Grenzen; weil die alte Mobilität jede Mauer überwunden hat, fährt sie mit ihren bisherigen Denkmustern und Lösungsansätzen an die Wand.

Die Städte kollabieren Das zeigt sich nicht zuletzt an der Diesel- und Abgaskrise. Geprägt durch die Autoindustrie hat Deutschland die Folgekosten einer zunehmenden Flächenversiegelung, von Lärm und Abgasen, lange vernachlässigt. Technische Kniffe und ein Vorantreiben elektromobiler Antriebe werden zwar kurzfristig die bisherigen Fahr- und Wirtschaftsmuster erhalten können; eine weitsichtige Lösung ist dies nicht. Wer sieht, wie der Straßenraum in Ballungsräumen permanent aus allen Nähten platzt, begreift ebenfalls die Unmöglichkeit eines schlichten "Weiter so". Straßen, Radwege, Bus- und Lieferspuren, alles ist zu voll, die Stadt kollabiert.

Auf dem Land zeigt sich derweil die Kehrseite der Medaille. Kaum ein öffentlicher Nahverkehr fährt dort noch rentabel, weil die Auslastung zu gering ist. Die Kosten für das Aufrechterhalten einer Infrastruktur schießen für die Verbleibenden ins Unermessliche. Wenn kein Bus mehr fährt, das Internet nicht funktioniert und der Mobilfunkempfang miserabel ist - wer will dann noch auf dem Land bleiben? Und wieder verstärkt sich der Druck auf Städte.

Die bisherigen Reaktionen auf Feinstaubbelastung, Dieselskandal und ähnliche Vorkommnisse deuten darauf hin, dass die Denkstrukturen bei Entscheidungsträgern noch die traditionellen, konventionellen sind. Verbraucher scheinen sich diesen Wandel viel mehr zu eigen gemacht zu haben und stellen längst andere Fragen, als es die Generation vor ihr tat.

Der Besitz eines Autos spielt nurmehr eine untergeordnete Rolle, zumindest bei der jungen, urbanen Bevölkerung. Selbst im ländlichen Raum, wo ein eigenes Auto für junge Menschen in der Regel noch tatsächliche Freiheit bedeutet, genießt das Auto eher den Ruf einer Notwendigkeit denn eines Statussymbols. Ja, es gibt sie noch, die Menschen, die sich mit ihrem SUV in die Innenstädte aufmachen und nach langem Stau eine noch längere Parkplatzsuche in Kauf nehmen, um ihr Auto schließlich für viel Geld abzustellen und trotzdem noch eine Weile zum Zielgeschäft laufen zu müssen. Doch viele überlegen inzwischen: Wie komme ich schnellstmöglich an mein Ziel? Wie kombiniere ich verschiedene Verkehrsmittel so, dass die Übergänge geschmeidig funktionieren? Car Sharing, Park & Ride, Leihfahrräder bieten flexible, kostengünstige und spontan aufeinander abstimmbare Systeme. Nutzen statt besitzen, "Modal split", die kombinierte Verkehrsmittelwahl zum Erreichen eines Ziels, wird zum Zauberwort.

Mentalitätswandel nötig Der wachsende Anteil des Radverkehrs folgt dieser Logik: Wenn ich mit dem Rad schneller bin und günstiger wegkomme, erübrigt sich die Frage nach der Verkehrsmittelwahl. Eine Möglichkeit, bei schlechtem Wetter spontan auf Bus oder Bahn umsteigen zu können, erleichtert vielen die Planung und Organisation. Forscher gehen inzwischen davon aus, dass sich bis 2030 das Verhältnis zwischen den Verkehrsmitteln bei den zurückgelegten Wegen ausgeglichen haben wird; derzeit dominiert bei der Wahl noch das Auto, gefolgt von Bussen und Bahnen sowie dem Fahrrad. Flexibles Arbeiten erübrigt manchen Weg zu Stoßzeiten. Digitale Pfade ersetzen den Verwaltungsgang; darüber hinaus kann ein flächendeckendes Breitband- und Glasfasernetz Wohnstandorte neu attraktiv machen, die bislang eher schrumpften. So könnte der ländliche Raum manche Problematik auffangen, die sich aus dem bisherigen Zulauf in Städte ergibt: Mobilität nicht als Teil des Problems, sondern als Teil einer Lösung.

Voraussetzung für eine solche Zukunft ist ein durchgreifender Mentalitätswandel. Er beginnt mit einem neuen Verständnis füreinander auf der Straße, er gipfelt in einer anderen Verteilung von Forschungs- und Fördergeldern sowie Infrastrukturausgaben. Er bringt nicht zuletzt verantwortliche Planer, Behördenvertreter und Politiker dazu, Wohnen, Bauen, Verkehr, Digitales zusammen zu denken, und etwa Raumordnungsgrenzen zu überwinden. Die Mobilität von morgen beginnt im Kopf.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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