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Bilaterale beziehungen
Susanne Knaul
Asymmetrische Sympathien

Israelis sehen Deutschland positiver als umgekehrt. Die ausgesetzten Regierungskonsultationen sollen spätestens im Herbst wieder aufgenommen werden

Starmodell Bar Refaeli blickt verführerisch und demonstrativ gelassen herab von den Werbeplakaten für Brillen von "Carolina Lemke Berlin". Das Plakat hängt in einem Einkaufszentrum in Tel Aviv. Die Firma ist eine israelische und unterhält noch nicht einmal eine Zweigstelle in Deutschland. Der Zusatz "Berlin" ist ein Verkaufstrick. Man will damit Kunden locken. Lang ist es her, dass der Konsum deutscher Güter in Israel verrufen war und selbst eine Reise nach Deutschland tabu. Eser Weizmann, der im Januar 1996 als erster israelischer Präsident vor dem Bundestag sprach, zeigte sich damals noch überrascht darüber, wie man als Jude im Land der Täter leben könne.

Inzwischen ist Deutschland gesellschaftsfähig und die Hauptstadt noch weit mehr als das. "Berlin, Berlin", besingt die Funk-Band Shmemel ihren Traum vom Wegzug aus Israel. "Ihr könnt lange darauf warten, dass wir zurückkommen", heißt es im Refrain. "Zum Reichstag des Friedens und des Euros und des Lichts", lockt es Tausende Israelis, die zuhause als "cool" gelten und beneidet werden um das Leben in der kulturell sprudelnden Stadt mit ihren preiswerten Wohnungen und Supermärkten.

70 Jahre sind vergangen, seit David Ben-Gurion die isrealische Unabhängigkeitserklärung verlas, seit über 50 Jahren verbindet Israel offizielle und zunehmend engere Beziehungen zur Bundesrepublik. Deutschland ist nach den USA, China und der Schweiz Israels viertwichtigster Handelspartner. "Mehr als 85 Prozent der (jüdischen) Israelis", so ergab eine Studie von Moshe Zimmermann, emeritierter Historiker der Hebräischen Universität in Jerusalem, halten "die Beziehung zu Deutschland bereits für normal." Skepsis herrscht indes unverändert in den Reihen der orthodoxen Juden und der Nationalreligiösen. So zürnte Arie Eldad, Gründer der rechtsextremen Partei "Otzma l'Israel" ("Stärke für Israel") noch vor wenigen Jahren in der "Stimme Israels", als sie den "Wind of Change"-Song der Popband "Scorpions" auflegte. Einziger Grund für Eldads Protest war, dass es sich um einen deutschen Schlager handelte, und der sollte im öffentlichen Rundfunk nicht laufen. Die allgemeine Stimmung in Israel ist jedoch eine andere. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist seit Jahren eine der beliebtesten Politikerinnen im Ausland, und Deutschland gilt als israelfreundlich, insbesondere im europäischen Vergleich. Der Wahlerfolg der AfD tut dem positiven Deutschlandbild kaum einen Abbruch. Es sei ein "hohes Maß an Gelassenheit und Normalität" erkennbar, bestätigt der deutsche Historiker Dan Diner, schränkt jedoch ein, dass die deutsch-israelischen Beziehungen "hochambivalent" seien. Das trete an "sporadisch aufschäumenden Skandalisierungen" zu Tage, wie im Jahr 2012 bei der Debatte über die Beschneidung und nach Veröffentlichung des Gedichts "Was gesagt werden muss", in dem Günther Grass der "Atommacht Israel" vorwirft, den Weltfrieden zu gefährden. "In jedem anderen Land hätte dieser Mann endgültig seinen Ruf verspielt", kommentierte der frühere Botschafter in Berlin, Jakov Hadas-Handelsman. Grass habe den "verlogenen Begriff der 'Israelkritik´" definiert". Gemeint sei, "das erfundene Tabu, man dürfe Israel nicht kritisieren - und der Wunsch zu zeigen, dass die Juden keine besseren Menschen sind als die Deutschen."

Die Frustration des israelischen Diplomaten stützt sich auf den latent vorhandenen Antisemitismus in Deutschland, der nicht selten durchschimmert, wenn Israel kritisiert wird. "Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein", riefen palästinensische Antisemiten in Berlin bei einer Demonstration gegen den Krieg 2014 in Gaza. Einer Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung stimmten im vorletzten Jahr immerhin 40 Prozent der Aussage zu: "Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man was gegen Juden hat."

Dazu kommt, dass Hadas-Handelsman in seiner Amtszeit von 2012 bis 2017 als Botschafter in Berlin Zeuge einer asymmetrischen Sympathieentwicklung werden musste. Während Deutschland in Israel immer beliebter wurde, sank das Image Israels bei den Deutschen auf neue Tiefpunkte, und das ungeachtet der Tatsache, dass Deutsche die viertgrößte Gruppe ausländischer Touristen in Israel bilden. Grund dafür ist die israelische Besatzungspolitik, der Siedlungsbau und Menschenrechtsverletzungen in den palästinensischen Gebieten. "Die Deutschen haben eine differenzierte Sicht und unterscheiden klar zwischen der Politik des Staates Israel und dem jüdischen Volk", heißt es in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung.

Eklat um Gabriel Nahezu einstimmig stellten sich die Medien im Frühjahr 2017 hinter den damaligen Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD). Er kam ungeachtet der Warnungen von Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu mit Vertretern zweier regierungskritischer Organisationen zusammen, woraufhin Netanjahu das Treffen mit ihm absagte. Aus Unmut über Israels Siedlungspolitik ließ Kanzlerin Merkel schon vor dem Eklat in Jerusalem die jährlich stattfindenden Regierungskonsultationen aussetzen. Seit 2008 kommen die Minister beider Staaten regelmäßig zusammen, um die bilateralen Beziehungen auszubauen. Mit dem Antrittsbesuch des neuen deutschen Außenministers Heiko Maas (SPD), der im März nach Jerusalem reiste, lockerte sich das angespannte Verhältnis. Die Regierungskonsultationen sollen nun spätestens im kommenden Herbst wieder aufgenommen werden. Maas erklärte, es sei ein "unverdientes Geschenk", als deutscher Minister so freundlich in Israel aufgenommen zu werden.Susanne Knaul

Aus Politik und Zeitgeschichte

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