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Ortstermin: Planspiel Jugend und parlament
Lisa Brüßler
Abgeordnete für vier Tage

Lin Großmann, 16 Jahre und aus Mönchengladbach, ist zwar kein Parteimitglied, aber in ihrer Freizeit beschäftigt sie sich gern mit Politik. Vier Tage lang sollte Politik zu ihrer Hauptbeschäftigung werden, denn aus Lin wurde Berufspolitikerin Ina Hesse aus Gummersbach, die seit 15 Jahren für die Gerechtigkeitspartei im Deutschen Bundestag sitzt. Lin ist eine von 333. So viele Schülerinnen und Schüler aus Deutschland tauschten vergangene Woche die heimische Schulbank gegen die fosterblauen Stühle des Plenarsaals des Deutschen Bundestages, um an dem Planspiel "Jugend und Parlament" teilzunehmen. Anhand von Gesetzesentwürfen zu anonymen Bewerbungen oder zur Einführung von einem Pfand auf Kaffeebecher wurde nachempfunden, wie die Gesetzgebung im Deutschen Bundestag funktioniert. Auch ging es um Möglichkeiten für die verstärkte Beteiligung deutscher Streitkräfte an einer EU-geführten Militäroperation im fiktiven Staat "Sahelien".

Zum Planspiel gehört auch, sich in seine fiktive Identität und Fraktionszugehörigkeit hinein zu fühlen - ob die politische Richtung nun gefiel oder nicht. Vier Tage lang lernten die 16- bis 21-Jährigen in Fraktions- und Ausschusssitzungen sowie Arbeitsgruppen- und Landesgruppentreffen, ihre Argumente und Positionen vorzubringen und dem politischen Gegner Gehör zu schenken. "Dieser Sitzungsmarathon und das Werben um politische Mehrheiten sind aber auch ganz schön anstrengend", stellte Zwölftklässler Julius aus Berlin fest.

Dazu gehörte auch das Sprechen im Plenum: Der Gang zum Rednerpult, den man sonst nur aus den Nachrichten kennt, die zunehmende Sicherheit mit steigender Redezeit, die erste nervöse Wortmeldung mit dem Mikrofon am Sitzplatz, das gar nicht so einfach zu bedienen ist. Nach der zweiten und dritten Lesung mitsamt der Abschlussabstimmungen hatten sich einige der Schüler aber sichtlich mit ihrer Rolle und der neuen Identität angefreundet und traten wie professionelle Nachwuchspolitiker auf.

Von tosendem Beifall und Standing Ovations begrüßt, sagte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU): "Ich freue mich sehr darüber, dass der Plenarsaal so voll besetzt ist. Das finden wir nicht immer so vor.". Er erinnerte das junge Publikum: "Auch wenn unsere Demokratie momentan in Frage gestellt wird, hätten viele Menschen auf der Welt gern die Prinzipien und Werte, die wir vertreten". Auch deshalb seien viele Diktaturen auf der Welt so nervös, weil sie wüssten, dass Freiheit eine "ansteckende Krankheit" ist. Grund genug für Selbstbewusstsein und ein engagiertes Eintreten für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit im Sinne der freiheitlich demokratischen Grundordnung, unterstrich Schäuble.

An Selbstbewusstsein mangelte es den Jung-Politikern in der folgenden Diskussion mit den Vertretern der Fraktionsspitzen nicht. Mit Fragen zur veränderten Debattenkultur im Parlament, den Vor- und Nachteilen des Abgeordnetenlebens und wie man mit Hass im Netz umgeht, löcherten die Jugendlichen die stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Nadine Schön (CDU), Leif Erik Holm (AfD) und Ulrich Lange (CSU) sowie die Fraktionsvorsitzenden der SPD, Andrea Nahles, Christian Lindner von der FDP, Anton Hofreiter (Bündnis 90/Die Grünen) und Dietmar Bartsch (Die Linke).

Deren abschließende Botschaft an die Jugendlichen lautete: Konsensorientierte Politik funktioniert nur über Kompromisse und wenn möglichst viele mitmachen. Egal ob in der Realpolitik oder im Planspiel. Lisa Brüßler

Aus Politik und Zeitgeschichte

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