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Aschot Manutscharjan
Kurz REZENSIERT

Während die Frauen im Europa des 19. Jahrhunderts die Romane von Jane Austen oder Charlotte Brontë verschlangen, haben die Menschen in der islamischen Welt die Geschichten um Elizabeth Bennet oder Jane Eyre weder verstanden noch gebilligt. Die Vorstellung junger, unverheirateter, berufstätiger und selbstständiger Frauen hätten für Muslime eine pure Provokation bedeutet, urteilt der britische Orientalist Christopher de Bellaigue. Bücher über andere Lebensarten habe es in der islamischen Welt kaum gegeben, denn auch 400 Jahre nach Gutenbergs revolutionärer Erfindung sei die Druckerpresse "für den Islam immer noch eine unerwünschte und für die Allgemeinheit nicht zugelassene" fremde Innovation gewesen.

Christopher de Bellaigue lebte jahrelang in der Türkei und im Iran; von dort berichtete er für den "Economist" und den "Guardian", er spricht fließend Türkisch, Arabisch und Persisch. In seinem aktuellen Buch versucht er, den verspäteten Einstieg der islamischen Zivilisation in das Zeitalter der Aufklärung zu erklären. Die Alphabetisierungsrate in der Türkei, in Ägypten und im Iran, den drei wichtigsten politischen und geistigen Zentren der islamischen Welt, lag zu Beginn des 19. Jahrhunderts bei etwa drei Prozent. In England konnten damals bereits mehr als 68 Prozent der Männer und 43 Prozent der Frauen lesen. Auch heute leben die meisten der 1,5 Milliarden Muslime in Regionen, in denen die Aufklärung erst noch Einzug halten muss. Betroffen von dieser Rückständigkeit seien vor allem Politik, Bildung, Wissenschaft, Medizin und Sexualität. Gleichwohl gebe es schon heute im Alltag der Menschen eine komplexe Verflechtung der Moderne mit der islamischen Kultur. Mit tiefem Respekt vor den islamischen Gesellschaften beschreibt de Bellaigue ihren schweren Weg in eine aufgeklärte Welt. Diesem wissenschaftlich fundierten und perfekt geschriebenen Buch wünscht man viele Leser.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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