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Gastkommentare - Pro
Lisa Nienhaus, "Die Zeit", Hamburg
Antiquierte Idee

Ehengattensplitting abschaffen?

D as Ehegattensplitting war einmal eine gute Idee. Heute ist es antiquiert. Denn die Welt hat sich verändert, das Splitting nicht.

Heute leben Familien in ganz anderen Konstellationen zusammen als noch vor wenigen Jahrzehnten. Die Ehe ist nicht mehr die einzig relevante Sphäre, in der Kinder aufgezogen werden. 30 Prozent der minderjährigen Kinder leben heute entweder bei unverheirateten Eltern oder bei einem alleinerziehenden Elternteil. Wer Familien schützen und entlasten will, kann das deswegen per Ehegattensplitting nicht mehr sehr gerecht tun. Ein Familiensplitting wäre sinnvoller.

Gegen das Ehegattensplitting sprechen auch die Anreize, die es setzt. Es begünstigt Einverdiener-Ehen und Ehen, in denen ein Partner deutlich mehr verdient als der andere. Finanziell lohnt es sich in solchen Konstellationen kaum für den zweiten Partner arbeiten zu gehen. Das hatte mal Sinn in Zeiten, da die meisten Paare in Einverdiener-Ehen lebten, sobald Kinder auf der Welt waren. Doch in einem Land, in dem 75 Prozent aller Frauen zwischen 20 und 64 erwerbstätig sind, wirkt das reichlich gestrig. Das Ehegattensplitting setzt Anreize genau in die Richtung, aus der die Menschen sich eigentlich gerade wegbewegen, es wirkt konträr zur zunehmenden Gleichberechtigung - und wird damit von Jahr zu Jahr bizarrer.

Dazu kommt ein generelles Argument: Man hat vor zehn Jahren den Schutz der Ehe juristisch ausgehöhlt, indem es nach einer Scheidung deutlich geringere Ansprüche auf Unterhalt gibt als früher. Auf der anderen Seite begünstigt man per Steuersystem weiterhin Ehen, die im Fall der Scheidung genau solch eines Schutzes bedürften. Das passt nicht zusammen. Entweder - oder.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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