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uKraine
Thomas Franke
Vereint gegen den Aggressor

Durch das Land schwappt eine Welle des Patriotismus. Die alten Eliten leisten mit allen Mitteln Widerstand

Der Kosak weint auf der großen Bühne, das ukrainische Fernsehen überträgt es live. Sein Kopf ist kahl geschoren bis auf einen dünnen langen Zopf, der ihm über die Schulter hängt. Er ist Veteran des Krieges, an seiner Brust hängen Orden. Sofiya Fedyna fasst an seine Schulter. Sie ist knapp einen Kopf größer als er. Es ist ihre Show. Und weil es eine Show für die Soldaten ist, trägt sie selbst olivgrün.

Fedyna war im Winter 2013/2014 eine der Aktivistinnen der Demokratiebewegung im westukrainischen Lemberg (Lwiw). Sie ist Anfang 30, Folklore-Sängerin, sammelt Geld für die ukrainischen Soldaten und unterrichtet Politik an der Universität in Lemberg. Außerdem kämpft sie vor der Präsidentenwahl am 31. März (siehe Text unten) für den Kandidaten Petro Poroschenko, als dessen offizielle Repräsentantin in der Region Lemberg. "Er hat die Ukraine wehrhaft gemacht", erklärt sie in fließendem Englisch. "Wir haben viel erreicht, aber wir müssen diesen Weg weitergehen." Russisch spricht sie nicht. "Ich gehöre zu der Generation, die es nicht mehr gelernt hat." Außerdem sei es eine Frage der Sicherheit, kein Russisch zu sprechen: "Russland nutzt den angeblichen Schutz der russischen Sprache als Vorwand für sein Eingreifen in der Ukraine, für den hybriden Krieg".

Fedyna nennt sich selbst eine Nationalistin. Ihr gehe es nicht darum, die Rechte anderer Nationalitäten zu beschneiden, betont sie, allerdings dürften die auch nicht die Rechte der Ukrainer einschränken. "Wer aktiv etwas für die Ukraine tut, ist mein Freund, egal welcher Nationalität er angehört. Wer sich nicht einmischt, aber die Kultur und Werte der Ukraine schätzt, ist mein Nachbar. Wer aber die ukrainische Kultur, ukrainische Bürger und den ukrainischen Staat vernichtet, der ist mein Feind." Das habe schon Stepan Bandera gesagt. Der Nazikollaborateur paktierte mit den Deutschen, um gegen die sowjetische Besatzung zu kämpfen, ihm wird eine Mitschuld am Tod Tausender Juden zugeschrieben. Später geriet er mit den Nazis aneinander und kam ins KZ, genoss dort aber Sonderrechte. Im Westen der Ukraine wird patriotisches Engagement oft mit dem Namen Bandera verknüpft, nicht nur von Rechtsradikalen. "Der Nationalismus hilft uns, zu überleben", erläutert Fedyna.

Am Rande der Frontlinie Etwa tausend Kilometer weiter östlich steuert Olga Altunina ihren Kleinwagen durch das Zentrum von Slowjansk. Gelber Klinker, leicht verfallen, verglaste Veranden, Hochhäuser aus der Sowjetzeit, etwa 100.000 Einwohner. Von hier bis zur Frontlinie sind es nur noch etwa 50 Kilometer. 2014 war Slowjansk drei Monate in der Hand der von Russland unterstützten Separatisten. Es war einer der ersten Orte, an dem sie die Macht übernahmen. Wie viele Bewohner verließ Altunina während der Besatzung die Stadt. "Als wir zurückkamen, gab es keinen Strom, kein Gas, kein Wasser und natürlich kein Internet. Das Unkraut wuchs mannshoch. Durch die Straßen streunten Hunde, Katzen und Hühner, die ihre Besitzer vor der Flucht freigelassen hatten." Heute werden die Bürgersteige neu gepflastert, Blumenbeete angelegt. An Altuninas Rückspiegel baumeln die ukrainische Fahne in Blaugelb und das blaue Sternenbanner der EU.

Mit Stepan Bandera können sie im Osten der Ukraine nicht viel anfangen, doch auch hier gibt es eine Welle des Patriotismus. "Was das bedeutet, was Heimat ist, das haben wir wohl erst 2014 begriffen", erzählt Altunina. Für sie war der Krieg ein Weckruf. "Erst, als unser Gebiet in Gefahr war, als unsere Stadt okkupiert war, als Männer in Militäruniform hier patrouillierten und unser Leben bedrohten, haben wir gespürt, wie sehr uns unser Land am Herzen liegt."

Altunina gab ihren Job als Immobilienmaklerin auf, um sich der Politik zu widmen. Als Koordinatorin der Kiewer Gespräche, eines deutsch-ukrainischen zivilgesellschaftlichen Netzwerks, fördert sie das Bürgerengagement in der Region. Außerdem zog sie in das Stadtparlament von Slowjansk ein, als eine der ersten reformorientierten Abgeordneten. Bis dahin hatten die alten Eliten in Slowjansk weitgehend allein regiert, Seilschaften aus der Umgebung des kriminellen Ex-Präsidenten Janukowitsch. Die Menschen nahmen es hin. Altunina kämpft für Reformen und einen Mentalitätswechsel: Die Bürger sollen verstehen, dass sie selbst etwas verändern können, dass sie sich einbringen müssen. Das, glaubt sie, sei die beste Garantie dafür, dass sich so etwas wie 2014 nicht wiederholen könne. Die von Russland unterstützten Soldaten hatten damals auch in Slowjansk über die Loslösung von der Ukraine abstimmen lassen. Das sogenannte Referendum fand unter Waffen statt und wurde international nicht anerkannt. Die Separatisten sprachen von 90 Prozent Ja-Stimmen. "Die kamen vor allem von alten Leuten", sagt Altunina. "Sie wollten die Sowjetunion zurück, denn dort waren sie jung, gesund und glücklich." Diese alten Leute mit ihrer Nostalgie gäbe es immer noch, glaubt Altunina. Umso wichtiger sei es, junge und zukunftsorientierte Menschen in der Region zu halten und sie zu zivilgesellschaftlichem Engagement zu bewegen.

In einem Coworkingspace am Rand des Zentrums arbeitet einer ihrer Mitstreiter. Er heißt Aleksej Owtschinnikow, Altunina begrüßt ihn mit Küsschen. "Top Place - Work, Study, Fun", steht an der Wand, zwei Frauen sitzen vor Laptops und arbeiten. Owtschinnikow möchte kulturelles Leben in Slowjansk fördern: "Das ist dringend nötig. Wer nur einmal fürs Wochenende nach Charkiw fährt, entscheidet sich, dort zu bleiben." Unterstützt wird der Co-Working Space von der US-Amerikanischen Hilfsorganisation USAID. Owtschinnikow hat einen Filmprojektor angeschafft und organisiert ein Open-Air-Kinofestival. "Klar, in der Region ist nichts los, aber gerade das birgt sehr viele Möglichkeiten für unterschiedliche Geschäftsideen, vor allem für Kleinunternehmer", meint er.

Altunina ist bei ihrer Suche nach Mitstreitern rastlos. Im Stadtparlament hat sie einen Bürgerhaushalt durchgesetzt: Ein Prozent des Budgets wird unter direkter Mitsprache der Bürger verwendet. Dazu gibt es öffentliche Ausschreibungen und Abstimmungen. Eine der Gewinnerinnen ist Marina Jefrimowa, stellvertretende Schuldirektorin in Slowjansk. Ihre Schule bekommt nun Geld für moderne Outdoor-Trimmgeräte. Bisher ragen ein paar ehemals blau gestrichene Kletterstangen, zwei Tore und die Reste eines Basketballkorbs aus der staubigen Ödnis des Schulhofs. Jefrimova hat bei der Abstimmung 500 Stimmen für den Schulhof bekommen. "Damit könnten Sie auch Abgeordnete werden", strahlt Altunina sie an. "Leute wie Sie müssen die Initiative ergreifen. Sie wollen doch, dass sich die Stadt entwickelt, Sie müssen in die Politik gehen und Regierungsentscheidungen für die Stadt treffen." Die Direktorin schüttelt den Kopf. Doch Altunina fährt fort: "Marina, für mich ist das das eigentliche Ziel des Bürgerhaushalts, künftige Meinungsführer ausfindig zu machen. Dass dabei noch die Stadt schöner wird, ist ein angenehmer Nebeneffekt." Die Umworbene lächelt schüchtern: "Olga, wir, die Öffentlichkeit, sind bereit, solche Menschen wie Sie zu unterstützen, wenn sie die Stadt leiten möchten. Wirklich." Doch so einfach gibt Altunina nicht auf. "Ich hoffe, bis zur nächsten Wahl werden Sie beschließen, dass es zu wenig ist, jemand anderen zu unterstützen. Wer wird Verantwortung übernehmen, wenn nicht Sie?" - "Ich denke das Gegenteil." Beide lachen.

Das Engagement ist gefährlich. Überall in der Ukraine leisten alte Eliten Widerstand und sind dabei nicht zimperlich. Im vergangenen Jahr starb die Aktivistin Kateryna Handziuk im südukrainischen Cherson an den Folgen eines Säureattentats. Sie hatte die Verwicklung örtlicher Polizisten in Korruption öffentlich gemacht.

Drohungen im Hausflur Solche Überfälle häufen sich, und auch Olga Altunina gerät in Slowjansk unter Druck. Sie hat Unregelmäßigkeiten bei der Vermietung städtischer Immobilien entdeckt. "Ein großes Gebäude wurde sehr billig vermietet. Der Mieter sollte dort eigentlich Kindernahrung verkaufen, tatsächlich aber wurde dort mit Lebens- und Reinigungsmitteln gehandelt." Der Bürgermeister verweigerte ihr die Einsicht in den Mietvertrag, die ihr als Abgeordnete zusteht. Sie klagte dagegen, bekam Recht und beantragte, auch die übrigen 900 Immobilien der Stadt überprüfen zu lassen. Sie vermutet, dass einige Abgeordnete die Objekte unter Wert mieten, um Geschäfte zu machen. "Eines Abends erwarteten mich drei Männer vor meiner Haustür, vermutlich Geschäftsleute. Sie meinten, sie müssten meinetwegen ihre Geschäfte schließen. Sie waren sehr grob. Ich bekam Angst." Ein Abgeordneter drohte ihr am Telefon. Altunina will sich davon nicht unterkriegen lassen. Sie ist sich sicher, wenn die Stadt sich nicht grundlegend im Sinne der Bürger verändert, ist sie verloren und bald menschenleer.

Wie es aussieht, wenn die Menschen gehen, ist im gut 80 Kilometer entfernten Sewerodonezk zu sehen. Die Fahrt dorthin auf den von Panzerketten zerfurchten Straßen dauert länger als eine Stunde. Seweredonetsk ist eine sogenannte Monostadt, gebaut in den 1950er Jahren für die Arbeiter eines Chemiewerks. Das hat die beste Zeit längst hinter sich, wie die ganze Stadt. Wie viele Menschen sie verlassen haben, auf der Suche nach Arbeit in den Westen der Ukraine gezogen sind oder gleich ins Ausland, ist schwer zu sagen. Abends sind weit mehr als die Hälfte der Fenster dunkel. Auf den Straßen fahren wenige und vor allem alte Autos. Auf rissigem Beton fahren Jungs Skateboard, drei Mädchen üben Radschlagen. Sie wollen die Stadt so bald wie möglich verlassen. "Hier bekommst du keine gute Ausbildung", sagt die 13-jährige Polina, "normalerweise gehen alle zum Studium nach Kiew, Charkiw oder Lemberg. Dort sind die Universitäten gut. Ich will Jura oder Wirtschaft in Kiew studieren." Die Vize-Gouverneurin Olya Lishyk würde die Abwanderung der Jungen gern stoppen. "Aber der Krieg sorgt dafür, dass wir keine Investitionen bekommen, und das bremst die wirtschaftliche Entwicklung." Sie sieht dahinter System. "Der Aggressor hat die Absicht, uns in einem Zustand der Unbestimmtheit zu halten." Mit dem Aggressor meint sie Russland. Hier schließt sich der Kreis von der Ost- zur Westukraine. "Bis vor fünf Jahren war die Ukraine geteilt", sagt Sängerin Fedyna im westukrainischen Lemberg. "Aber nach Russlands Angriff sind wir alle aktiver geworden. Wir unterscheiden jetzt nur noch zwischen ,unseren' und ,ihren', zwischen ,richtig' und ,falsch'."

Der Autor ist freier Osteuropa-Korrespondent mit Schwerpunkt Russland und ehemalige Sowjetrepubliken.

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