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WAHL
Thomas Franke
Fehlende Mehrheiten

Mehr als 40 Kandidaten wollen Präsident werden

Schon jetzt ist klar, dass bei der Präsidentenwahl in der Ukraine keiner der Kandidaten im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigen wird. Eine Stichwahl am 21. April scheint unausweichlich.

Amtsinhaber Petro Poroschenko muss bangen, überhaupt in die zweite Runde einzuziehen. Der Oligarch, der sein Vermögen mit Schokolade gemacht hat, konnte offensichtlich die Erwartungen der Ukrainer nicht erfüllen. Korruption bleibt ein Dauerthema, ein Ende des Krieges im Osten der Ukraine ist nicht in Sicht. Die Hälfte der Wähler gibt an, auf gar keinen Fall für Poroschenko stimmen zu wollen. In Umfragen kommt er derzeit auf etwas über 15 Prozent.

Damit liegt Poroschenko mit seiner Rivalin Julia Timoschenko etwa gleich auf. Es ist bereits ihr dritter Versuch, Präsidentin der Ukraine zu werden. Timoschenko ist im Energie- und Gasgeschäft reich geworden. Auch sie hat sich in den Augen vieler Wähler diskreditiert, weil sie es bereits in früheren Jahren als Regierungschefin nicht vermochte, Reformen voranzutreiben und den Lebensstandard zu verbessern.

Noch Ende vergangenen Jahres lag sie in Umfragen weit vorn, teils bei 20 Prozent. Mittlerweile muss auch sie kämpfen, um es in die Stichwahl zu schaffen. Sie und Amtsinhaber Poroschenko bezichtigen sich im Wahlkampf gegenseitig der Manipulation.

Je schlechter der Ruf etablierter Politiker ist, desto größere Chancen haben Quereinsteiger. Die Frustration nützt dem Komiker Wolodymyr Selensky. Seine Werte schnellen seit Januar in die Höhe, derzeit liegt er mit bis zu 20 Prozent unangefochten vorn.

Ob die Menschen in ihn tatsächlich Hoffnungen setzen oder ob sie ihn aus Protest wählen wollen, ist fraglich. Selensky hat keine politische Erfahrung und noch nie eine Verwaltung geführt. Als Präsident müsste er als Oberbefehlshaber das Land durch den Krieg lenken, den Russland gegen die Ukraine führt.

Insgesamt gehen mehr als 40 Kandidaten ins Rennen. Aus den Resten der ehemaligen Partei der Regionen des kriminellen Expräsidenten Viktor Janukowitsch sind drei Kandidaten hervorgegangen. Sie gelten als prorussisch und haben keine Chancen, in die Stichwahl einzuziehen. Ebenso die Rechtsradikalen. Sie liegen derzeit nach Umfragen bei unter fünf Prozent.

Rückgriff auf alte Eliten Die Demokratiebewegung von vor fünf Jahren hat sich auf keinen gemeinsamen Kandidaten einigen können. Am ehesten wird sie von Anatolij Hrytzenko vertreten, einem pensionierten Luftwaffenoberst. Er war nach der orangefarbenen Revolution 2004, dem ersten Versuch, das Land zu reformieren, Verteidigungsminister. Laut Umfragen könnte er etwas über zehn Prozent erhalten. Mit ihm konkurriert Andrij Sadowyj, der reformfreudige Bürgermeister von Lwiw, dem früheren Lemberg, um die Stimmen der Demokraten.

Wer auch immer die Präsidentenwahl gewinnt, er oder sie muss auf die alten Eliten zurückgreifen, um das Land zu reformieren. Der Ausgang ist zudem ein Signal für die Parlamentswahl im Oktober.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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