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Amri-Ausschuss
Winfried Dolderer
Komplize oder nicht?

Zeuge berichtet über Ben Ammar

Einen Lastwagen kapern. Den Fahrer erschießen. Einen Weihnachtsmarkt überrollen - macht man das allein? Braucht man dazu einen Helfershelfer? Anis Amri, der Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, hatte seinen tunesischen Landsmann Bilel ben Ammar. Einen Drogenkomplizen, Freund, Vertrauten - auch Mittäter beim Anschlag?

Am Vorabend der Tat saßen Amri und Ben Ammar noch in einem Imbiss beisammen. Nach dem Anschlag war Ben Ammar zehn Tage abgetaucht, bevor er am 30. Dezember 2016 festgenommen wurde. Es gibt ein Foto vom Tatabend, das Ben Ammar mit blauen Handschuhen auf dem Breitscheidplatz zeigen soll. Die Vermutung steht im Raum, er habe dort einen Mann mit einem Kantholz niedergeschlagen, um Amris Flucht zu decken. Schließlich wurde er abgeschoben, am 1. Februar 2017, kaum anderthalb Monate nach der Tat. Warum so hastig, fragen seither die Skeptiker. Um seine Tatbeteiligung zu vertuschen? Oder weil er für den marokkanischen Geheimdienst arbeitete?

Ärger über Berichte Vor dem 1. Untersuchungsausschuss ("Breitscheidplatz") saß in der vorigen Woche einer, dem das alles nicht so recht einleuchten will. Er habe die Berichterstattung der jüngsten Zeit über Ben Ammars angebliche Rolle "mit großem Ärger" zur Kenntnis gekommen, sagte Kriminaldirektor Dominik Glorius. Der heute 52-Jährige leitet beim Bundeskriminalamt (BKA) das Referat ST 25 "Völkerstrafrecht". Seit Juli 2016 war er zwei Jahre lang in Berlin eingesetzt und dort in führender Funktion an den Ermittlungen beteiligt, die auf Amris Anschlag folgten. Für Glorius steht fest: Eine konkrete "Unterstützungshandlung" beim Attentat ist Ben Ammar nicht nachzuweisen.

Schon die Bundesanwaltschaft habe, als sie die Ermittlungen gegen ihn einleitete, in aller Vorsicht von einem "Anfangsverdacht" gesprochen, er könnte "in nicht näher zu bestimmender Art und Weise Beihilfe" geleistet haben. In der Untersuchungshaft hätten Beamte des BKA ihn zweimal stundenlang verhört, ohne viel zu erfahren. Ben Ammar habe eingeräumt, Amri gekannt zu haben, eine eigene radikalislamische Gesinnung aber bestritten. Amri sei für diesen in erster Linie ein Geschäftsfreund im Drogenhandel gewesen, erläuterte der Zeuge.

Mann mit Handschuhen Der Mann mit den blauen Handschuhen am Tatort sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht Ben Ammar gewesen. Es gebe andere Fotos, die zeigten, wie derselbe Mann Verletzten erste Hilfe leistete. Auch unter seinen BKA-Kollegen, meinte Glorius, habe es Zweifel gegeben, ob auf dem Tatortfoto nicht doch Ben Ammar zu sehen sei. Allerdings hätten jene Beamten, die ihm in den beiden Vernehmungen gegenübersaßen, dies ausgeschlossen.

Nach seiner Festnahme hätten die Behörden Ben Ammar wegen eines geringfügigen Sozialhilfebetrugs in Haft behalten, um ihn nicht wieder aus den Augen zu verlieren. Ende Januar 2017 habe sich abgezeichnet, dass die Haft nicht weiter verlängert werden könne. Um ihn nicht auf freien Fuß setzen zu müssen, habe das BKA deswegen "im Einvernehmen mit der Bundesanwaltschaft" seine Abschiebung befürwortet.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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