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Ortstermin: comic-Porträts über deutsche parlamentarier
Lisa Brüßler
45 Gesichter der Demokratie

Natürlich saß Petra Kelly von den Grünen im Parlament niemals direkt neben Rudolf Virchow (Deutsche Fortschrittspartei) und Hildegard Hamm-Brücher (FDP), doch die Botschaft des Comic-Künstlers Simon Schwartz kommt trotzdem an: Die Zeiten, Orte und Charaktere mögen zwar unterschiedlich gewesen sein, doch ihr Einsatz für Demokratie und Bürgerrechte eint die Parlamentarier der Ausstellung "Das Parlament. 45 Leben für die Demokratie" des Hamburger Künstlers Schwartz, der 2017 vom Kunstbeirat des Bundestages beauftragt wurde. Vom Parlament der Frankfurter Paulskirche im Jahr 1848 über den Bonner Bundestag und die Berliner Volkskammer der DDR bis zur Wiedervereinigung 1990 führen die Ausstellung und das gleichnamige Buch durch eineinhalb Jahrhunderte deutsche Parlamentsgeschichte.

"Historisch galten Comics immer wieder als Schundliteratur und wurden teilweise von den Parlamenten als Kunstform verboten", sagte Kuratorin Kristina Volke, die die Ausstellung am vergangenen Donnerstag im Berliner Reichstagsgebäude eröffnete. Umso mehr freue es sie, dass der Bundestag mit Schwartz einen aufsteigenden Illustrator gefunden habe, der auf wenig Raum viel zu erzählen wisse. "Die Ausstellung ist für mich persönlich von großer Bedeutung, aber sie ist auch ein Ritterschlag für die Kunstform Comic in Deutschland", begrüßte auch der Autor selbst die Initiative des Kunstbeirats.

Auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) freute sich, dass das Experiment geglückt sei: "Viele Menschen haben einen abstrakten Blick auf das Parlament. Dabei ist es gar nicht gesichtslos, sondern ein lebendiger Organismus", sagte Schäuble. Schwartz schaffe es, Fakten über die Parlamentarier mit Denkanstößen zu verbinden.

Aus über 1.000 Abgeordneten verschiedenster deutscher Parlamente mischte Schwartz bekanntere Biographien mit solchen, die in Vergessenheit geraten sind: "Viele Menschen kennen nicht mehr als den Namen eines Abgeordneten. Da setzt Schwartz an und nimmt die Brüche für deren politisches Handeln in den Fokus", erklärte Kuratorin Volke. Alle Porträtierten sind bereits verstorben. Teils habe er sehr stark recherchieren müssen, auch um vermeintlich widersprüchliche Persönlichkeiten zeichnerisch einzufangen, sagte Schwartz.

Jedes Blatt zeigt dabei eine andere Idee des Künstlers: Ob Collagetechniken, visuelle Andeutungen, das Zurückgreifen auf vorhandene Fotos oder Gemälde - Farbgebung und Symbolik sind nie zufällig gewählt. "Was man sieht, ist eine Zuspitzung. Die Beschränkung auf eine Seite pro Parlamentarier erzwingt die pointierte Erzählung und Verdichtung", erklärte Volke. Dabei sind viele Details zu entdecken, denn die Sprechblasen fungieren als Türöffner zu den zugrunde liegenden Erzählungen.Lisa Brüßler

Die Ausstellung ist noch bis zum 31. August 2019 in der Abgeordnetenlobby zu sehen. Im Rahmen der Kunst- und Architekturführungen sowie am 17. und 24. April, am 2. und 22. Mai und am 12. und 19. Juni jeweils um 14 Uhr steht sie Besuchern nach vorheriger Anmeldung (kunst-raum@bundestag.de) offen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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