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Liebe und Sexualität
Sören Christian Reimer
Mit dem Staat im Bett

Eigentlich ist Sex kein Tabu mehr. Es sei denn, es geht um Macht und Privilegien

Let's talk about sex? Warum denn nicht! Im Jahr 2019 sind Sex und Sexualität längst keine Tabuthemen mehr, der hedonistischen Lebensfreude kaum noch Grenzen gesetzt. Der nächste One-Night-Stand - oder die große Liebe - ist einen Fingerwisch auf der Smartphone-Dating-App Tinder entfernt. Etliche Online-Partnerbörsen ermöglichen es, die ideale Partnerin, den idealen Partner oder gleich beides zu finden. Aufklärung ist nicht nur ein Thema an Schulen, sondern auch für Erwachsene: Sex-Tipps füllen die Kolumnen der Zeitschriften, das Netz und ganze Buchregale. Und was früher vielen als pervers galt, ist heute kinky Fetisch, um ein bisschen Abwechslung ins Schlafzimmer zu bringen - anything goes: Mit "50 Shades of Grey" popularisierte etwa die Autorin E.L. James sadomasochistische Sex-Praktiken. Mehr als 100 Millionen Mal verkaufte sich allein der erste der drei Bände. Das machte die Autorin reich und ließ auch die Kassen von Sexspielzeugherstellern klingeln, die von der neu entdeckten Experimentierfreude der Leserinnen und Leser profitierten. Überhaupt sind Sex-Toys zum Lifestyle-Produkt avanciert, finden sich in gut sortierten Drogerien und in einladenden Läden mitten in den Innenstädten. Wer dort nicht hin will, lädt Bekannte ins Reihenhauswohnzimmer zur Dildo- statt zur Tupper-Party ein. Derweil sind die alten, schmuddeligen Sex-Shops in argen Existenznöten. Ein Grund dafür ist natürlich das Internet. Wozu durch verruchte Läden streifen, wenn der nächste Porno eine Suchanfrage entfernt, das Angebot grenzenlos und oft kostenlos ist.

Auch gesellschaftlich hat sich einiges getan. Seit 2017 ist es gleichgeschlechtlichen Paaren möglich, zu heiraten. Dass es etwas jenseits starrer biologischer und sozialer Geschlechter gibt, dass sexuelles Begehren nicht nur heterosexuell sein muss, sondern komplexer sein kann, das hat sich inzwischen herumgesprochen. Feindseligkeit gibt es noch, keine Frage, aber eben auch mehr Toleranz und Akzeptanz.

Sitte und Moral Sexualität war dabei lange ein Feld, in dem Staat, Kirche und Gesellschaft nur zu gerne mitregierten und ihre Vorstellungen vom richtigen Lieben und Begehren auch mit Gewalt und Zwang durchsetzten. Mal ging's um handfeste Bevölkerungspolitik, mal um vermeintliche Sitte und Moral. Ein Beispiel dafür war die eklatante Schwulenfeindlichkeit der jungen Bundesrepublik. So galt bis 1969 ein von den Nationalsozialisten verschärfter Paragraf des Strafgesetzbuches. Homosexuelle Männer, die während des Dritten Reiches in KZs verschleppt und umgebracht worden waren, mussten auch im demokratisch verfassten Deutschland mit Verfolgung und Strafe rechnen. In Hamburg überwachten Polizisten öffentliche Toiletten durch Doppelspiegel und Behörden führten sogenannte "Rosa Listen". "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" nannte der schwule Regisseur Rosa von Praunheim dann auch treffend einen 1971 gedrehten Film. Erst 2017 hat die Politik reagiert und die Situation als das benannt, was sie war: Unrecht. Männer, die bis 1969 unter dem Paragrafen verurteilt wurden, können nun Entschädigung beantragen.

Nach der 69er-Liberalisierung und der Teil-Legalisierung von Sex unter Männern blieb im Westen bis 1994 allerdings ein Doppelstandard erhalten: Nur für Männer, die mit Männern Sex haben wollten, galt eine verschärfte Schutzaltersgrenze. In der DDR waren die Gesetz hingegen schon frühzeitig liberaler. Allerdings führte das nicht zwangsläufig zu mehr gesellschaftlicher Akzeptanz.

Auch durchs Nicht-Regeln kann der Staat, der in Fragen der sexuellen Selbstbestimmung eigentlich schützende Instanz sein will, zu fragwürdigen Verhältnissen beitragen. Berühmt-berüchtigt ist die Debatte um die Vergewaltigung in der Ehe. Bis 1997 wehrte sich vor allem die Union dagegen, den Straftatbestand auch auf eheliche Beziehungen zu erweitern. Vergewaltigenden Ehemännern drohte nur eine weniger scharf sanktionierte Verurteilung wegen Nötigung. Es brauchte eine überfraktionelle Initiative von Frauen, um diesen Umstand zu ändern.

Geht es ums Sexualstrafrecht, wird es in der Regel komplex: Bei der unter dem Stichwort "Nein heißt Nein" diskutierten Strafrechtsverschärfung stellten sich 2016 komplizierte rechtspolitische und rechtstechnische Fragen. So etwa, ob der alte Paragraf ein zu "ideales" Opfer voraussetzte, das sich überhaupt, deutlich vernehmbar und bestenfalls körperlich gegen den Täter wehrt. Das habe mit realen Übergriffen aber oft genug nichts zu tun, wandten die Reformbefürworterinnen ein. Im Gegenzug wird die Neuregelung dafür gescholten, zwar gut gemeint, aber faktisch nicht umsetzbar sei. Ein Blick in Dunkelfeldstudien zur sexualisierten Gewalt zeigt ohnehin, wie wenig die meist männlichen Täter tatsächlich zu befürchten haben. Häufig wird nicht einmal Anzeige erstattet. Und wenn es zu Ermittlungen und Prozessen kommt, dann steht oft Aussage gegen Aussage. In dubio pro reo.

Die Herausforderungen für den Gesetzgeber sind auch in der digitalen Welt größer geworden: Mit dem Internet hat auch die Produktion und Verbreitung der Darstellung von sexualisierten Übergriffen auf und Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, verharmlosend als Kinderpornografie bezeichnet, zugenommen. Die Verfolgung und Ahndung gestaltet sich schwierig. Neue Phänomene, etwa Männer, die sich im Netz an Kinder und Jugendliche heranmachen ("Cyber-Grooming"), sind strafrechtlich zu bewerten und fordern auch Eltern und Schulen heraus.

Perspektive Beim Blick auf den relativ befreit wirkenden Status quo vergisst man allerdings viel zu leicht, welche Kämpfe um Anerkennung, was für Erfahrungen mit Diskriminierung und Gewalt hinter diesen Fortschritten standen und stehen. Das gilt vor allem für jene, denen ganz unbeeinflusst das Privileg zukommt, ihre Sexualität und ihr Begehren nie gesellschaftlich und politisch attackiert gesehen zu haben; die sich beispielsweise nie als "Schlampe" bezeichnen lassen mussten, weil sie ihre Sexualität frei lebten, oder als potentielle "Babymörderin", weil sie auf körperliche Selbstbestimmung drängten; die sich nie verstecken oder verleugnen mussten, weil ein Outing soziale Verheerung, Isolation oder Gewalt mit sich gebracht hätte; die sich nie ihrer Hautfarbe wegen sexuell exotisieren lassen mussten; die nie für krank befunden wurden, weil ihre geschlechtliche Identität von dem abwich, was das Bio-Buch vorgab. Also eigentlich nur weiße heterosexuelle Männer. Das ist gar kein Vorwurf, es nennt sich Perspektive.

So sind Sex und Co. doch noch vergleichsweise tabuisiert, wenn es um die Verquickung von Macht, Sexualität und Geschlecht geht, wenn Privilegien und bestehende Ungerechtigkeiten benannt werden. Aber es bewegt sich etwas: Aus dem akademisch-aktivistischen Kreisen dringen Begrifflichkeiten wie Heteronormativität, Intersektionalität oder toxische Männlichkeit dank Autorinnen wie Judith Butler, Anne Wizorek und Margarete Stokowski, Künstlerinnen wie der Rapperin Sookee oder der Zeichnerin Liv Strömquist langsam in breitere Diskurse vor. Dass diese komplexen, mal auch sehr theorieverliebten Ideen und Konzepte auf viele Fragen, Unverständnis und teils offene Ablehnung ("Gender-Wahn") stoßen, ist dabei nicht verwunderlich. Emanzipatorische Kämpfe waren auch früher schon viel Überzeugungs- und Bildungsarbeit.

#metoo Grotesk wird es aber, wenn in Reaktion auf #metoo und #aufschrei das Ende von Flirt und Erotik befürchtet und das Zeitalter einer neuen Prüderie herbei fabuliert wird, schwingt doch dabei das Zerrbild der angeblich sex- und lustfeindlichen Frauenrechtlerinnen allzu laut mit. Die Hashtag-Bewegungen sind vielmehr eine erneute Erinnerung daran, dass längst nicht alles so frei und gleichberechtigt ist. Tausendfach schilderten Frauen - und einige Männer - ihre vielfältigen Erfahrungen mit sexistischen Sprüchen, sexualisierten Übergriffen und sexualisierter Gewalt. Sprüche, Übergriffe und Gewalt, die vor allem von Männern ausgehen.

Der Firnis der Zivilisation ist dabei dünn: Frauen, die sich mit ihren Erfahrungen exponieren oder gar Forderungen aufstellen, schlägt gerade im Netz häufig der blanke Hass entgegen. Es wird ihnen der Tod gewünscht und Vergewaltigungen herbeigesehnt. Da mag mancher noch sagen, dass das ja nicht alle Männer seien, schon gar nicht man selbst und dann auf selbstgerechten Durchzug stellen. Dieses Befindlichkeitstheater hilft aber wenig, um dieses strukturelle Problem anzugehen.

Sören Christian Reimer

Aus Politik und Zeitgeschichte

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