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USA
Aschot Manutscharjan
Zweifelhafte Ikone

Ein Blick auf das koloniale Erbe einer Weltmacht

"Die Geschichte der Vereinigten Staaten ist die Geschichte eines Imperiums" - mit diesem Satz beendet der amerikanischer Historiker Daniel Immerwahr sein monumentales Werk. Seit dem Unabhängigkeits- und dem Bürgerkrieg führten die Amerikaner Kriege vor allem außerhalb ihrer Landesgrenzen. Allein in den letzten Jahrzehnten folgten auf die Kriege in Korea, Vietnam, dem Irak oder Afghanistan ein "ständiger Strom kleinerer Eingriffe": Die US-Streitkräfte wurden in 211 Fällen in 67 Länder entsandt. Weltweit unterhalten die USA rund 800 Militärstützpunkte.

Auch wenn sich Immerwahr sehr ausführlich mit der aktuellen globalen US-Militärpräsenz und Interventionen beschäftigt, handelt es sich nicht um sein eigentliches Forschungsthema. Vielmehr interessiert er sich vor allem für ein vergessenes und auch verschwiegenes Kapitel der "Greater United States": Detailliert beschreibt er die Geschichte der USA als Kolonialmacht.

Sie begann mit der Vertreibung und Ermordung der amerikanischen Ureinwohner und der Eroberung nahezu eines Drittels des mexikanischen Staatsgebietes in den 1840er Jahren. Im Zuge des spanisch-amerikanischen Krieges und des philippinisch-amerikanischen Krieges besetzten die USA neue Kolonialgebiete im Atlantik, im Pazifik, darunter Hawaii, und im Indischen Ozean. Kritisch hinterfragt Immerwahr die Besatzungspolitik der US-Regierung in den "Territorien"; dabei legt er schonungslos die Unterdrückungspolitik der "weißen" Rassisten gegenüber ihren farbigen Untertanen offen. Die USA waren keine Kolonialmacht, die ihr gewaltsames Vorgehen hinter demokratischen Vorbehalten glaubten verstecken zu müssen.

Ein Teil der Kolonien gaben die USA später freiwillig auf, andere organisierten Aufstände und befreiten sich selbst. "Den Rückzug" aus den Kolonien führt der Autor auch auf den damaligen Zeitgeist zurück: Zur Ikone der Freien Welt, zu der sich die USA während des Kalten Krieges stilisierten, wollte das Image einer klassischen Kolonialmacht nicht mehr passen. Stattdessen ersetzte Washington die "Kolonisierung durch die Globalisierung". Mit Beginn des Kalten Krieges wurde die Welt mittels Militärbasen vernetzt: An ihren Standorten verbreiteten die Amerikaner ihre Standards und ihre Sprache. Sie setzten sich für die freie Marktwirtschaft und den globalen Handel ein, führten moderne Technologien und neue synthetische Materialien ein. Auch der Weltkonzern Sony entstand im Umfeld eines US-Stützpunktes.

Natürlich darf Donald Trump in diesem empfehlenswerten Buch nicht fehlen: Der Autor ist davon überzeugt, dass ohne dessen Zweifel an Obamas "Amerikanersein" ("natural born citizen") zu Beginn des Präsidentschaftswahlkampfes Trump "höchstwahrscheinlich nicht gewählt worden" wäre.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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