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RELiGION
Alexander Weinlein
Und sie bewegt sich doch

Das Ringen von Katholizismus und Aufklärung

Der Satz findet sich in jedem besseren Geschichtsbuch - auch wenn er nie laut ausgesprochen wurde. Mit den Worten "Und sie bewegt sich doch" soll der italienische Universalgelehrte Galileo Galilei 1633 seine durch die Inquisition erzwungene Abkehr vom heliozentrischen Weltbild trotzig widerrufen haben. Bis heute steht dieses nachträglich erfundene Zitat als Chiffre für die vermeintliche Unvereinbarkeit zwischen Glauben und Naturwissenschaft, Kirche und Forschung. Doch wie es mit der These wirklich bestellt, nach der sich allen voran die katholische Kirche stets als Widersacher wissenschaftlicher Erkenntnis und fortschrittlichen Denkens so beklagenswert hervorgetan hat?

In seinem neuen Buch "Verdammtes Licht" untersucht der bekannte und mehrfach ausgezeichnete Kirchenhistoriker Hubert Wolf von der Universität Münster das spannungsgeladene Verhältnis zwischen Katholizismus und Aufklärung. Wer Wolfs Bücher, etwa über das Verhältnis von Kirche und Nationalsozialismus ("Papst und Teufel") oder über das skandalöse Innenleben eines Frauenklosters ("Die Nonnen von Sant' Ambrogio") kennt, weiß, wie kritisch Wolf, der 1985 selbst die Priesterweihe erhalten hat, mit der "heiligen Mutter Kirche" ins Gericht gehen kann. Aber er tut dies stets an Fakten und Quellen, denen er seit 1992 in den Archiven der Inquisition und der päpstlichen Indexkongregation, die erst sieben Jahre später offiziell von Papst Johannes Paul II. offiziell geöffnet und der Wissenschaft zugänglich gemacht wurden.

Vom Mittelalter bis heute unterzieht Wolf die katholische Kirche an ausgewählten Beispielen der Prüfung, wie sie es mit der Wissenschaft, den Ideen der Aufklärung, Demokratie, Menschenrechten, Diktatoren und absolutistischen Herrschern gehalten hat und zieht einen höchst lesenswerten Vergleich mit dem Islam.

Wolf fördert dabei mitunter erstaunliches zutage, was der These vom unaufgeklärten Katholizismus widerspricht. So setzte die Kirche beispielsweise den Antisklaverei- roman "Onkel Toms Hütte" von Harriet Beecher-Stowes nicht auf den berüchtigten Index der verbotenen Bücher - obwohl von einer protestantischen Frau geschrieben. Im Gegenteil: Die Lehre der Kirche von der Einheit des Menschengeschlechtes verlange geradezu einen katholischen Einsatz für die Sklavenbefreiung, befand die Zensurbehörde in Rom.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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