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GESELLSCHAFT
Susanne Kailitz
Nicht geboren, sondern gemacht

Dieter Thomä plädiert für Heldentum zur Rettung der Demokratie

In der Literatur und im Film sind sie nicht wegzudenken: Helden. Seit der amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell 1949 sein Buch "Der Heros in tausend Gestalten" veröffentlichte, kennen Drehbuchschreiber und Buchautoren die so genannte Heldenreise; zwölf Phasen, die eine Heldenfigur durchläuft und die das Gerüst fast jedes Blockbusters sind. Und überhaupt lieben Menschen die Geschichten von anderen, die in einer Gefahrensituation aufstehen, wo andere sitzenbleiben, sich in den Dienst einer größeren Sache stellen und dafür selbstlos bis zum Sieg kämpfen.

Doch braucht es Heldenfiguren auch da, wo es ums große Ganze und das alltägliche Kleinklein geht - in der Politik? Ja, sagt der Philosoph Dieter Thomä: "Jede Demokratie braucht Helden." Dieser These widmet Thomä, der an der Universität St. Gallen lehrt, sein neuestes Buch. Es ist in gewisser Weise die Fortsetzung seines 2016 erschienen Bands "Puer Robustus. Eine Philosophie des Störenfrieds". Darin hatte Thomä sich den Querdenkern und Widerborstigen gewidmet, die sich an den gesellschaftlichen Regeln reiben und sie aufbrechen, die bestehende Ordnung in Frage stellen und so das System verändern. Nun spürt Thomä den Helden der Demokratie nach. Die würden heute dringend gebraucht: Weil die Demokratie "im Äußeren wie im Inneren" in "die Defensive geraten" sei, die derzeitige Krise eine ökologische, okönomische und politische, ergo allumfassende sei. Helden können helfen, diese Krise zu überwinden - und zwar nicht, indem sie die Demokratie abwickeln, sondern indem sie sie stärken." Auf mehr als 230 Seiten erstrecken sich Thomäs Abhandlungen darüber, was Helden ausmacht (sie agieren anders als normale Menschen, riskieren Gefahr für sich selbst und sorgen über ihr Handeln dazu, dass andere zu ihnen aufschauen) und was sie nicht sind (selbsternannt und egoistisch).

Die Probleme des modernen Heldentums klingen dabei durchaus an: dass Menschen dazu neigen, andere erst zu überhöhen und dann enttäuscht davon zu sein, dass sie die in sie gestellten Erwartungen nicht erfüllen können.

Dilemma Doch das eigentliche Dilemma seiner Heldensuche benennt Thomä selbst schon in in der Einleitung: "Manchmal werden Helden live und in Farbe gefeiert. Aber immer geschieht dies nachträglich, nach ihrer Großtat. Die zu ihnen passende Zeitform ist das Futur zwei: Sie werden Helden gewesen sein." Helden seien "früher dran als andere, machen den ersten Zug im Spiel, tun etwas, was nicht erwartet, eingefordert oder angeordnet werden kann", ihre Umwelt schenke ihnen aber erst später Bewunderung und Anerkennung. "Helden werden nicht geboren, sie werden gemacht - und zwar rückwirkend." Im Wissen um diesen Mechanismus erscheint die Aufforderung, es brauche mehr Helden, um das demokratische System zu retten, absurd - denn allein aus dem Wunsch heraus entsteht kein Heldentum. Die Demokratie werden andere, normale Menschen retten müssen - denn das Leben ist kein Film.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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