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Algorithmen
Sören Christian Reimer
Taumelnd zum »Techno-Autoritarismus«

Adrian Lobe warnt vor den Fallstricken des »Datapozän«

Sie bestimmen, was wir bei Google finden, welcher chinesische Bürger besonders kreditwürdig ist oder welches Kommunikations- und Reiseverhalten einen Terrorismus-Verdacht rechtfertigt - Algorithmen wird gerade im Kontext der Künstlichen Intelligenz in den vergangenen Jahren eine fast schon mystische Machtfülle zugeschrieben. Und nach der Lektüre von Adrian Lobes neuem Buch ist man versucht, dem zuzustimmen und um die Zukunft der demokratischen verfassten Gesellschaften zu bangen. Denn genau davor warnt der Journalist und Politikwissenschaftler. Er nimmt sich dazu einen argumentativen Vorschlaghammer aus der poststrukturalistischen Werkzeugkiste des Michel Foucaults, um gegen den "Techno-Autoritarismus" und das "Datengefängnis" anzuschreiben.

Foucault steht mit seinem Buch "Überwachen und Strafen" dabei nicht nur beim Namen Paten, sondern liefert auch die Stichworte Disziplinargesellschaft, Gouvernementalität und Biopolitik, die Lobe mit Blick auf das von ihm ausgerufene Erdzeitalter des "Datapozän" aktualisiert. Unter dem Schlagwort Gouvernementalität hatte Foucault die Etablierung einer modernen Staatlichkeit und ihrer biopolitischen Herrschaftstechniken im 19. Jahrhundert herausgearbeitet. Statistiken zu Geburtenraten, Sterblichkeit und Bevölkerungsentwicklung dienten als Grundlage für staatliche Interventionen der Sozial-Ingenieure in die Gesellschaft. Aus den zu beherrschenden Untertanen war eine zu optimierende Bevölkerung geworden.

Sprung ins 21. Jahrhundert Die Datenbanken von vor allem privater Akteure sind heute reichlich gefüllt. Mit maschinellem Lernen und Co. sind die Möglichkeiten der Datenverarbeitung immens gewachsen. Das entsprechende Mindset, mit Daten die Welt verändern zu wollen, ist im Silicon Valley auch fest verankert. Lobe arbeitet kenntnisreich - ohne sich in technischen Details zu verlieren - an etlichen Beispielen heraus, welch dystopisches Potenzial die oft als nützlich oder hilfreich gepriesenen Innovationen haben. Ob nun die einfache Google-Suche, mit Sensoren vollgestopfte "Smart Homes", vernetzte Fitness-Armbänder oder komplexe Überwachungssysteme. Auch die disziplinierende Wirkung der Algorithmen thematisiert Lobe und ruft prophetisch eine "Post-Strafgesellschaft" aus, die keine Strafe mehr braucht, weil das zu bestrafende Verhalten - oder was nur danach aussieht - schon im Vorfeld Algorithmen gestützt unterbunden wird. Problematisch ist diese Entwicklung aus seiner Sicht auch, weil die so generierten "Datenkörper" nirgendwo politisch repräsentiert sind. Kontrolle und Einwirkung sind so nicht möglich. Analog zu Bruno Latours Parlament der Dinge fordert der Autor daher ein "Parlament der Daten".

Das ist einer der zahlreichen Gedanken, die aus Lobe heraussprudeln und die das Buch lohnenswert machen. Etwas zu kurz kommen das klassisch Politische und die Erörterung, ob und wie widerständige Subjekte im "Datapozän" denkbar sind. So hat man nach der Lektüre dann auch ein bisschen Lust, gleich via Amazons "Alexa" einen Hammer zu bestellen, um damit dann "Alexa", beliebige Überwachungskameras und das eigene Smartphone zu traktieren. Nur schlägt der Netflix-Algorithmus dann bestimmt vorher eine neue "Black Mirror"-Folge vor - und die Revolte muss erstmal warten.Sören Christian Reimer

Aus Politik und Zeitgeschichte

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