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Aufgekehrt
Alexander Weinlein
Preußisches »mañana«

Der erfahrene Spanien-Reisende weiß es: Das schöne Wort "mañana" hat viele Bedeutungen - und in den wenigsten Fällen heißt es "morgen". "Nächste Woche", "vielleicht", "nächstes Jahr" oder auch "nie" lauten die weitaus besseren Übersetzungen. Nirgendswo wüsste man dies besser als in Berlin. In der deutschen Hauptstadt hat man dieses schöne spanische Wort bereits vor vielen Jahren zum Grundsatzprogramm allen staatlichen Handelns erhoben. Fertigstellung des Humboldt-Forums? Mañana. Staatsoper Unter den Linden? Mañana. U-Bahn-Linie 5? Mañana. Flughafen Berlin-Brandenburg? Aber sowas von mañana. Sollten Sie sich je gefragt haben, warum ausgerechnet die Spanier die drittgrößte Gruppe unter den Berlin-Touristen sind, dann haben Sie hier die Antwort. Die Leute fühlen sich hier einfach wie zuhause.

Berlin - die Stadt galt einst als der Hort preußischer Tugenden. Pflichtgefühl, Pünktlichkeit, Disziplin, Zuverlässigkeit - alles ersetzt durch ein einfaches mañana. Für den frankophilen Saarländer Oskar Lafontaine waren das natürlich alles nur "Sekundärtugenden", mit denen man "auch ein KZ betreiben kann". Oder eben einen Flughafen. Man hätte auch pünktlich zum 30. Jahrestag des Mauerfalls das Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin einweihen können. "Hätte, hätte, Fahrradkette", um einen anderen Sozialdemokraten zu zitieren. Bislang haben noch nicht einmal die Bauarbeiten begonnen. Diese werden wohl auch nicht vor Mai 2020 beginnen. Denn dann erst ist die Winterruhe der geschützten Wasserfledermäuse, die sich im Sockel des geplanten Denkmals eingenistet haben, beendet. Oder anders gesagt: Mañana.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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