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Alexander Weinlein
Kurz Rezensiert

Die Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages ist eigentlich sehr eindeutig: "Die Redner sprechen grundsätzlich im freien Vortrag. Sie können hierbei Aufzeichnungen benutzen." Und so mahnte in den Anfangsjahren des Bundestags das Präsidium auch noch so manchen Abgeordneten, wenn er seine Rede vom Blatt ablas. 1967 war diese Vorgabe sogar noch einmal verschärft worden. "Im Wortlaut vorbereitete Reden sollen eine Ausnahme sein und dürfen nur mit Genehmigung des Präsidenten vorgelesen werden", hieß es nun ergänzend. Bereits 1980 wurde dieser Passus jedoch wieder ersatzlos gestrichen - weil sich die Parlamentarier nicht daran hielten.

Dies ist nur eine von vielen Beispielen, an denen der Publizist Johan Schloemann seine Geschichte von der Kunst der freien Rede seit der Antike bis in die digitale Gegenwart spannend, unterhaltsam, fundiert und faktenreich erzählt. Und ganz nebenbei hat der Klassische Philologe ein paar handfeste Tipps für jene Leser parat, die selbst einmal in die Verlegenheit geraten, ihre Zuhörer aus dem Stegreif überzeugen zu müssen.

Mit Bedauern muss der Leser zur Kenntnis nehmen, dass die Reden Barack Obama zwar rhetorisch glänzend waren, der US-Präsident sie allerdings selbst bei Aufritten in der Provinz vom Teleprompter ablas. In den amerikanischen Medien handelte er sich dafür den Spottnamen "Teleprompter in Chief" ein. Mit Begeisterung liest man hingegen, wie der Bürgerrechtler Martin Luther King 1963 während seiner berühmt gewordenen Rede das Manuskript zur Seite schob und anfing, frei zu reden: "I have a dream..." King habe sich in diesem Moment, so schilderte es ein Mitstreiter später, dem "Geist des Augenblicks überantwortet".

Schloemanns Buch sei jedem Sprachbegeisterten empfohlen. Und so manchem Parlamentarier würde man es gerne unter den Weihnachtsbaum legen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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