Inhalt

wirtschaft
Peter Stützle
Ein logistischer Albtraum wird wahr

Mit der Coronakrise drohen globale Lieferketten zusammenzubrechen. Nach Ansicht von Ökonomen müssen sich Firmen bei Zulieferern breiter aufstellen

Aufatmen in Stockdorf bei München: Alle mit dem Coronavirus infizierten Mitarbeiter des Automobilzulieferers Webasto in Deutschland und China sind wieder gesund, meldete das Unternehmen vergangenen Mittwoch. Eine Besucherin aus China hatte den neuartigen Erreger Ende Januar unwissentlich in die Firmenzentrale gebracht und Mitarbeiter angesteckt. Es waren die ersten Covid-19-Fälle in Deutschland. Webasto reagierte mit einer 14-tägigen Schließung der Firmenzentrale, dringende Arbeiten wurden im Home-Office erledigt. "Das hat sehr gut funktioniert, wir konnten so eine weitere Verbreitung des Virus im Unternehmen verhindern", erklärt Vorstandschef Holger Engelmann.

In Quarantäne Ein Lichtblick in einer schwierigen Lage. Denn in China sind viele Produktionsstätten lahmgelegt. "Wird eine neue Virusinfektion bekannt, riegeln die Behörden den kompletten Betrieb ab, in dem der oder die Infizierte arbeitet, und sämtliche Arbeiter werden zwei Wochen in Quarantäne gesteckt", berichtet das Fachportal Technik-Einkauf. Die Folge sei "ein fast totaler Stillstand im Land".

Noch ist in den deutschen Autowerken wenig davon zu spüren, denn derzeit kommen jene Teile in den europäischen Häfen an, die vor etwa sechs Wochen in China eingeschifft worden sind. Noch funktionieren die Lieferketten. Bald könnte es aber kritisch werden. Daimler beispielsweise bezieht Teile von 213 Zulieferern, die ihrerseits wiederum Zulieferer haben. Ein fehlendes Bauteil kann die Produktion zum Stillstand bringen. "Es ist ein logistischer Albtraum", sagte Jörg Wuttke, Präsident der EU-Handelskammer in China, der "Süddeutschen Zeitung".

Besonders abhängig ist die Autoindustrie von elektronischen Bauteilen aus China. Auch andere Branchen wie Maschinenbau, Medizintechnik und Elektroindustrie haben hier eine Achillesferse. Der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) rät seinen Mitgliedern, sich rechtzeitig auf die Suche nach alternativen Lieferanten außerhalb Chinas zu machen. Oft ist das kurzfristig nicht möglich, weil Bauteile speziell für einen bestimmten Einsatz entwickelt wurden. Auch deutsche Firmen, die für den chinesischen Markt produzieren, haben Absatzschwierigkeiten. So ist der chinesische Automarkt im Februar um 80 Prozent eingebrochen, meldet der Branchenverband CPCA.

Hotels in Not Die Coronakrise trifft nicht nur die Industrie. Die Absage von Großveranstaltungen wie der Reisemesse ITB in Berlin, der Handwerksmesse in München und der Leipziger Buchmesse macht Hoteliers, Messebauern, Eventcaterern, Gastwirten und Taxifahrern zu schaffen. Zunehmend werden auch Firmenveranstaltungen storniert. Luftfahrtunternehmen streichen wegen abgesagter Reisen die Flugpläne zusammen. Konzert- und Tourneeveranstalter bangen um ihre Existenz. "Wir beobachten einen erheblichen Einbruch bei den Kartenverkäufen", berichtet der Präsident des Branchenverbandes BDKV, Jens Michow.

Besonders brisant sind Lieferengpässe bei Medikamenten. "Fast alle Vorprodukte für Arzneimittel wie Antibiotika und Kopfschmerztabletten werden in China gefertigt", sagt Handelskammerpräsident Wuttke. Allein in der am stärksten vom Virus betroffenen Provinz Hubei gibt es nach Angaben des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie für 136 Arzneimittel einen Wirkstoffhersteller. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) meldete Anfang März Lieferengpässe bei 279 Medikamenten. Allerdings gab es schon Anfang Oktober 2019 bei 239 Arzneimitteln Lieferschwierigkeiten. Dieses Problem hat also auch andere Ursachen, verschärft sich aber nun.

Mittlerweile berichten die Außenhandelskammer (AHK) Greater China und der Einkäuferverband BME, dass die Produktion in vielen Betrieben Chinas wieder anläuft, wenn auch wegen der Quarantänebestimmungen langsam und mit begrenzter Mannschaft. Doch selbst wenn Teile produziert werden, wird es immer schwerer, sie nach Europa zu schaffen. Weil Hafenarbeiter aufgrund von Reisebeschränkungen und Quarantänevorschriften ihren Arbeitsplatz nicht erreichen können, werden Frachtschiffe nicht voll beladen. Auch der Inlandstransport zwischen Häfen und dem Hinterland ist nach AHK-Angaben stark behindert. Nach wie vor fährt der sogenannte Seidenstraßenzug von Chongqing nach Mannheim einmal pro Woche. Allerdings kann er nur hundert Container transportieren, während ein Frachtschiff 20.000 schafft. Bleibt für dringend benötigte Güter noch die Luftfracht. Die Luftfrachtunternehmen fliegen zwar nach wie vor, die zusätzlichen Frachtkapazitäten von Passagiermaschinen sind aber weitgehend weggefallen, weil die meisten Linienflüge nach China eingestellt wurden.

Gesenkte Prognosen Welche Folgen die Coronaepidemie auf die globale Wirtschaft hat, ist kaum abzuschätzen. Die Industrieländer-Organisation OECD hat Anfang März ihre Prognose für das weltweite Wachstum um 0,5 Punkte auf 2,4 Prozent abgeschwächt. Im schlimmsten Fall, einem "Dominoeffekt mit starker Weiterverbreitung des Virus", könne das Wachstum auch auf 1,5 Prozent sinken. Für Deutschland nimmt mancher Ökonom schon das Wort "Rezession" in den Mund, und Clemens Fuest vom Münchener Ifo-Institut sieht laut "Frankfurter Allgemeine" sogar "das Potenzial für einen ähnlich starken Rückschlag wie während der Weltfinanzkrise".

Sollte es so kommen, wollen Regierungen und Notenbanken nicht tatenlos zuschauen. "Angesichts der möglichen Auswirkungen von Covid-19 auf das globale Wachstum bekräftigen wir unsere Verpflichtung, alle geeigneten politischen Instrumente einzusetzen, um ein starkes und nachhaltiges Wachstum zu erreichen und gegen Abwärtsrisiken zu sichern", heißt es in einer Erklärung der Finanzminister und Notenbankchefs der G7 (USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Kanada). Die US-Notenbank hat bereits mit Verweis auf die Epidemie ihre Leitzinsen gesenkt. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) erklärte, Mittel für ein Konjunkturprogramm seien vorhanden, "wenn es die Lage erfordert".

Strukturelle Änderungen Einige Wirtschaftsexperten fordern langfristige Konsequenzen. "Die Globalisierung so zu organisieren, dass alles dort gemacht wird, wo die Produktion am effizientesten ist - das ist vorbei", zitiert die "FAZ" Handelskammerpräsident Wuttke. Auch Gabriel Feldmayr von Kieler Institut für Weltwirtschaft erwartet, dass wieder mehr Produktion nach Europa kommt und "die Globalisierung ein Stück weit zurückgehen wird". In einer AHK-Studie heißt es: "Der Covid-19-Ausbruch hat den Bedarf an diversifizierten Lieferketten noch einmal bekräftigt." Wie sinnvoll diese sein können, zeigt sich am Smartphone-Markt. Der US-Hersteller Apple, der sich fast völlig von chinesischen Herstellern abhängig gemacht hat, steckt gerade in großen Schwierigkeiten. Dagegen hat der südkoreanische Konkurrent Samsung etwa die Hälfte seiner Produktion in Vietnam aufgebaut und kann nun sein neuestes Modell pünktlich auf den Markt bringen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag