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Aufgekehrt
Alexander Weinlein
Ein Akt der Hygiene

Die alten Griechen und Römer taten es bereits und im Paulus-Brief an Galater ist es als christlicher Friedensgruß bezeugt. Kaufleute tun es heute noch beim Abschluss erfolgreicher Verhandlungen, Staats- und Regierungschefs vor jeder Kamera. Selbst im Emblem einer Partei wurde es verewigt. Es gilt als Ausweis guter Kinderstube und Zeichen respektvollem Aufeinandertreffens. Lediglich in den dunkelsten Tagen hob man lieber den rechten Arm. So sehr ist es im Alltag der westlichen Welt verankert, dass es Thomas de Maizière als Innenminister gar im Kanon deutscher Leitkultur verankert sehen wollte. Doch derzeit ist das gute alte Händeschütteln arg in Verruf geraten. Hände treffen sich allenfalls noch in Kombination mit Wasser, Seife oder Desinfektionsmitteln - sofern man noch welche bekommt. Stattdessen gibt es Wuhan-Shakes und Ellenbogen-Checks. Innenminister Horst Seehofer mag aus Angst vor dem Corona-Virus nicht einmal mehr seiner Kanzlerin die Hand reichen. Und US-Präsident Donald Trump und sein französischer Amtskollege Emmanuel Macron verzichten aktuell auf ein Treffen, weil ihr kraftmeierndes Händedrücken die WHO den Pandemie-Fall ausrufen ließe.

Im thüringischen Landtag stand gar die Ministerpräsidenten-Wahl auf der Kippe, weil ein Covid-19-Infizierter unter den Abgeordneten befürchtet wurde. Selbst der bekennende Paulus-Briefe-Leser Bodo Ramelow ging dann nach seiner Wahl auf Nummer sicher und verweigerte AfD-Mann Björn Höcke demonstrativ den Handschlag. Nicht aus gesundheitlichen Gründen, sondern als Akt der politischen Hygiene. Vor dem Anti-Demokratie-Virus schützt nämlich kein Händewaschen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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