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Gastkommentare - Contra
Albert Funk
Keine gute Idee

Brauchen wir einen Immunitätsausweis?

J ens Spahn ist schnell zurückgerudert - der Bundesgesundheitsminister bekam einmal mehr zu spüren, dass seine Neigung zum Vorpreschen nicht immer von Vorteil ist. Dass er ins "Zweite Gesetz zum Schutz der Bevölkerung in einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite" mal schnell die Möglichkeit für einen Immunitätsausweis einbaute und dies auch zügig durch den Bundestag bringen wollte, stieß auf viel Widerspruch. Nun soll der Ethikrat darüber befinden.

Spahns Rückzieher zeigt nur, dass er sich vergriffen hat. Tatsächlich sollte dieses Vorhaben schnell beendet werden. Denn der Immunitätsausweis ist keine gute Idee. Zwar ist ein solcher Nachweis in einer Epidemie, bei der kein Impfstoff zur Verfügung steht, und das möglicherweise für lange Zeit, nicht grundsätzlich abwegig. Er kann in bestimmten Berufen durchaus sinnvoll sein, in der Medizin etwa oder in der Pflege.

Aber Spahns ursprünglicher Entwurf eröffnete die Möglichkeit, ihn auf die gesamte Gesellschaft auszudehnen. Mit der Folge, dass alle, die andere nicht mehr anstecken können, "von den Schutzmaßnahmen ganz oder teilweise ausgenommen werden können", wie es im Entwurf hieß. Schon warben App-Entwickler mit der Aussicht, dass sich mit dem Nachweis auf dem Smartphone wieder problemlos verreisen ließe oder ein Konzertbesuch möglich würde. Einfach den grünen Haken in der App vorzeigen - und Corona ist das Problem der anderen. Das ist fast schon eine Einladung, sich anzustecken. Dann winkt Freiheit. Die Dummen wären jene, die das nicht wollen oder nicht dürfen. Wer aber eines der wichtigsten Mittel zur Eindämmung einer Epidemie - den Selbstschutz - so übergeht wie Spahn, der handelt instinktlos.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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