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AMRI-Ausschuss
Franz Ludwig Averdunk
Ein Handy als »Goldstaub« für die Ermittler

In Berlin waren Zeugen zufolge vor dem Anschlag keine Vertrauenspersonen auf den Täter angesetzt

An diesen Satz erinnert sich Kriminalhauptkommissar R. B. gut: "Wenn ihr den noch sucht, zeige ich mal, wo der sein könnte." Es ging um den Attentäter vom Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz, Anis Amri. Den Hinweis bekam der 60-jährige Polizist - er führt in Berlins Landeskriminalamt Vertrauenspersonen (VP) im Islamismus-Bereich - von einer seiner Quellen. Im Morgendunkel machte er sich auf den Weg zum Kiez mit der beschriebenen Sackgasse. Doch er stieß auf acht Sackgassen. Den Tippgeber ließ er eilends herbei chauffieren. Doch dann fand die Aktion ihr jähes Ende: Die Nachricht von Amris Erschießung in Italien traf ein.

In der fraglichen Wohnung war der Attentäter nie gewesen. Andere Kriminelle hielten sie offenbar als potenzielles Versteck vor. Doch bemerkenswerter erscheint, dass überhaupt erstmals ein VP im Zusammenhang mit Amri in Erscheinung trat, wie in der vergangenen Woche bei der Zeugenvernehmung im Amri-Untersuchungsausschuss deutlich wurde.

Ein Kollege von R. B., Polizeihauptkommissar I. K. (45), sagte, er habe nicht versucht, eine Quelle in Amris Nähe zu bringen. Zwar habe er zum ersten Male im Februar 2016 von dem späteren Attentäter gehört. Nordrhein-westfälische Behörden hätten mitgeteilt, dass die "gefährliche Person" nach Berlin gereist sei. In den wöchentlichen Gesprächsrunden mit Sachbearbeitern des LKA sei häufiger der Name Amri gefallen. Doch habe man keine akute Gefahr gesehen.

R. B. sprach von einer zur fraglichen Zeit sehr hohen Arbeitsbelastung. Nach der Flüchtlingswelle 2015 hätten viele Migranten andere bezichtigt, beim sogenannten "Islamischen Staat" gewesen zu sein. Das habe zu zahlreichen Ermittlungen geführt, ohne dass etwas dabei herausgekommen sei. Der Hauptkommissar versicherte für seine Dienststelle, vor dem Anschlag habe Amri "bei uns keine Rolle gespielt".

Der Polizist beklagte, dass die Ermittler nach dem Anschlag nicht versucht hätten, die LKA-Quellen im Islamismus-Sektor einzubinden, um das Umfeld des Attentäters besser aufzuhellen. Allerdings existiert eine mittlerweile 123 Namen umfassende Liste von Personen nicht zuletzt aus dem salafistischen Spektrum, mit denen Amri Kontakt hatte. Beide Beamte erkannten eine Reihe von Namen wieder, die sie - informiert durch ihre Quellen - bestimmten Moscheen in Berlin zuordnen konnten.

Einen ganz anderen Blick auf die Zeit nach dem Anschlag warf Julia P. (51), leitende Kriminaldirektorin beim Bundeskriminalamt. Sie verwies auf zahlreiche Geodaten auf einem beim Attentats-Lkw gefundenen Handy, noch viel mehr hätten in der Cloud ausgemacht werden können. Anruflisten, Adressen und Verbindungsdaten wurden ausgelesen. Im Nachhinein habe sich der Weg Amris in den letzten Wochen vor der Tat "fast metergenau" verfolgen lassen. Insbesondere die zahllosen Lokationsdaten hätten die Ermittler als "Goldstaub" empfunden.

Das DTC-Handy habe die Daten vom 2. Oktober bis 19. Dezember 2016, dem Tattag, enthalten. Das BKA hat sie auf 85 Seiten zusammengefasst. Es habe sich ein dichtes und widerspruchsfreies Bewegungsbild ergeben, berichtete P: Wann er in welcher Moschee gewesen sei, wann er Drogen konsumiert oder verkauft habe. Das Umfeld Amris sei sorgfältig analysiert worden. Im Zusammenhang mit Drogen habe es auch Kontakte zur Organisierten Kriminalität geben. Zu Berichten, dass Amri auch mit Clan-Kriminalität in Berührung gekommen sei, sagte die Zeugin, dass beim BKA sei ein Vorgang in Arbeit sei, "zu dem das Wort Clan passt".

In einigen Fragen wurden Zweifel mancher Abgeordneter sozusagen an der Goldstaub-Qualität laut. Die Ermittlungsergebnisse stellten sich ihnen gar nicht so lückenlos dar. Insbesondere wurden Überlegungen nach einem möglichen Helfer Amris aufgeworfen. P. stufte indes die Beweislage als so dicht ein, dass Amri nach ihrer Überzeugung mit Sicherheit verurteilt würde, wäre er nicht erschossen worden. Über seine Flucht habe er sich gewiss keine Gedanken gemacht. Sonst wäre er nach ihrer Einschätzung nach dem Anschlag nicht in seine Wohnung gefahren und hätte seinen Rucksack gepackt. Auch habe er Geld in dem Lkw zurückgelassen, mit dem er die Tat beging.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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