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Claus Peter Kosfeld
Hoffnung mit dem Kürzel BNT162b2

Die Gentechnik eröffnet ganz neue Wege bei der Herstellung von Impfstoffen

Das Impfstoffkürzel BNT162b2 der Firma Biontech klingt nichtssagend, dahinter verbirgt sich gleichwohl, wenn die Daten stimmen, eine Revolution für die Entwicklung von Impfstoffen. Als die Firma mit der vielversprechenden Mainzer Adresse An der Goldgrube 12 verkündete, einen Corona-Impfstoff mit mehr als 90 Prozent Schutzwirkung erfolgreich getestet zu haben, war die Überraschung in Fachkreisen groß, denn die Quote übertrifft die kühnsten Erwartungen - und das nach wenigen Monaten Forschung. Für eine Zulassung wäre eine Wirksamkeit von mehr als 50 Prozent schon ausreichend.

Totimpfstoffe Normalerweise dauert die Entwicklung von Impfstoffen mehrere Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte. Die Anforderungen an die Vakzine sind hoch, sie sollen nicht nur wirksam, sondern auch sicher sein. Letztlich muss sich ein Impfstoff für die Pharmaindustrie auch rechnen, womöglich ist das der Grund, weshalb es einen Impfstoff gegen SARS, das 2002/2003 ebenfalls pandemisch auftrat und dem neuen Coronavirus ähnelt, noch immer nicht gibt. Die Verbreitung bei SARS blieb mit 8.000 gemeldeten Fällen vergleichsweise gering.

Traditionell werden Impfstoffe aus inaktivierten Viren hergestellt, das heißt, es werden abgetötete oder abgeschwächte Erreger als Antigene verwendet. So haben Forscher nach Angaben der Berliner Charité in einem Verfahren Coronaviren weitgehend unschädlich gemacht, sodass eine Vermehrung ausgeschlossen ist, der Körper die Eindringlinge aber noch erkennt und bekämpft, also die Immunabwehr einleitet. Die Tests sind noch nicht abgeschlossen. Die meisten der schon zugelassenen Impfungen basieren auf Totimpfstoffen, so etwa gegen Tetanus, Diphtherie, Hepatitis B oder auch Grippe. Der Vorteil bei Totimpfstoffen ist die einfache Herstellung, ein Nachteil besteht in der möglichen Überreaktion des Körpers auf die Impfung.

Vektor-Technik Seit Jahren rückt jedoch die Genforschung immer mehr in den Blickpunkt der Impfstoffentwickler, denn die sich hier abzeichnenden Verfahren deuten auf eine sichere und sehr effektive Bekämpfung der Erreger hin. Eine Strategie basiert auf der sogenannten Vektor-Technik. Dabei werden harmlose Viren im Labor genetisch so verändert, dass sie den Sars-Cov-2 ähneln und damit bei einer Impfung eine Immunabwehr auslösen. Das Vektor-Virus ist ungefährlich, weil die übrigen erregertypischen Gene fehlen. Auf dieser Technologie basieren bereits erprobte Wirkstoffe gegen Zika, HIV, Ebola und Dengue.

Boten-RNA-Technologie Einen anderen Weg gehen die Entwickler bei Impfstoffen auf Basis der mRNA-Technologie. Die RNA (Ribonukleinsäure) beinhaltet die Erbinformationen und steuert die Proteinbiosynthese. Die messenger RNA (mRNA) oder auch Boten-RNA transportiert dazu Informationen aus dem Zellkern zu den Ribosomen und löst dort die Bildung bestimmter Proteine aus. Dazu werden die Informationen zunächst auf die RNA übertragen (Transkription) und dann bei der Synthese von Proteinen wieder abgelesen (Translation). Bei der Impfstoff-Technik wird die mRNA mit Informationen über Proteine des Coronavirus versorgt. Der Botenstoff löst im Körper die Produktion von Corona-Proteinen aus und führt zur Immunabwehr. Es werden also nicht Antigene gespritzt, sondern die Bauanleitung für Antigene.

Krebstherapie Das Verfahren, das unter anderem bei den deutschen Firmen Biontech und Curevac zum Einsatz kommt, wird auch schon in der Krebstherapie genutzt. Die individualisierte Immuntherapie könnte im Kampf gegen Krebs oder seltene Erkrankungen ein Meilenstein sein.

Gearbeitet wird zudem an einem mRNA-Impfstoff gegen Tollwut und Grippe. Impfstoffe auf Basis der mRNA-Technologie lassen sich schnell und günstig herstellen, sie sind außerdem gegen unterschiedlichste Erreger einsetzbar. Forscher sehen in dieser Technik großes Potenzial. Allerdings gibt es bisher weltweit noch keine Zulassung für einen mRNA-Impfstoff.

Neben Biontech hat auch der US-Konzern Moderna einen mRNA-Impfstoff erfolgreich getestet. Das Vakzin mRNA-1273 erreichte in der Phase-3-Studie eine Schutzwirkung von 94,5 Prozent. Die Verträglichkeit soll gut sein. Moderna will nach der angestrebeten Eilzulassung bis Ende des Jahres 20 Millionen Dosen herstellen, 2021 dann bis zu eine Milliarde Dosen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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