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Aschot Manutscharjan
Kurz REZENsIERT

Der israelisch-deutsche Philosoph Omri Boehm rechnet mit der Duldung des Zionismus durch die Liberalen ab: Erst "massive Vertreibungen von Palästinensern" hätten die "jüdische Demokratie mit einer jüdischen Mehrheit ermöglicht". Als "wahrer israelischer Patriot" ruft er dazu auf, "die bekannten zionistischen Tabus auf den Prüfstand" zu stellen und endlich mit einer tiefgreifenden Reform des Landes zu beginnen: Vom jüdischen Staat hin zu einer föderalen, binationalen Republik mit Autonomie für Juden wie Palästinenser, aber einer gemeinsamen Staatsbürgerschaft. Die Zwei-Staaten-Lösung sei nicht zu halten.

Boehms Buch gesellt sich zu einer Reihe von kritischen Arbeiten der bekannten israelischen Historiker Tom Segev und Shlomo Sand, die die Mythen um die israelische Staatsgründung entzauberten. Wie der frühere Knesset-Vorsitzende Avraham Burg kritisiert Boehm die Instrumentalisierung eines "sakralisierten Holocaust" und das "aggressive Militärregime" Israels, das sich fast drei Millionen Palästinenser "unterworfen" habe.

Der Autor kennt sich aus: Er arbeitete für den israelischen Innengeheimdienst Shin Bet und promovierte danach in Yale über Kant. Provokant ist sein Appell ausgerechnet an die Deutschen, ihr Stillschweigen gegenüber dem Staat Israel und dessen Ideologie zu brechen. Boehm greift vor allem Jürgen Habermas an, weil er sich weigere, die "gegenwärtige Lage und die Grundsätze der israelischen Regierung" öffentlich zu hinterfragen. Für den Autor bedeutet dies einen Verrat an den Prinzipien der Aufklärung. Dass Boehm gerne provoziert, zeigt auch sein Vergleich der rechtsgerichteten Politik Netanjahus mit der AfD. Eindrucksvoll belegt die Streitschrift, dass sich Deutschland im Verständnis der jungen Israelis heute zu einem "normalen Land" und engen Freund Israels entwickelt hat - Kritik inklusive. Dennoch bleibt es weise von Habermas, weiterhin eher leise Töne anzuschlagen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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