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Aschot Manutscharjan
Kurz REZENSIERT

Wer "katholisch, weiblich, ländlich" war, galt in den 1960er Jahren als sozialstrukturell benachteiligt. Inzwischen machen die katholischen Mädchen vom Land öfter Abitur und studieren als die Jungen, schreibt der Dortmunder Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak. Die neuen Bildungs- und Integrationsverlierer seien muslimisch, männlich und aus der Großstadt.

Topraks eigene Biografie belegt die Bedeutung von Bildung für Integration und beruflichen Erfolg. Nach einem Schulabschluss in der Türkei und einem Studium in Deutschland arbeitete er als Pädagoge und Anti-Gewalt-Trainer. In seiner Familie wurden Söhne und Töchter gleichbehandelt, Toprak nicht als kleiner Pascha erzogen.

Er macht deutlich, dass religiöse und kulturelle Traditionen in der Erziehung nicht völlig verneint werden können. Schließlich würden diese Einstellungen ebenso prägen wie die sozialen Rahmenbedingungen, das Bildungsniveau der Eltern, Diskriminierungserfahrungen und eine verfehlte Integrationspolitik. Es seien aber weniger die sozialen und kulturellen Faktoren, die die Integration der muslimischen Jungen erschwerten, sondern die Erziehung und das Verhalten der Eltern. In islamischen Familien werden im Gegensatz zu ihren Schwestern nur wenige Grenzen gesetzt. "Fallen sie in der Schule negativ auf, werden sie bedingungslos in Schutz genommen und lange als Kinder behandelt, die keine Verantwortung für ihr Fehlverhalten übernehmen müssen." Die Jungen "dürfen stören und Aggressitivität ausstrahlen". Schließlich sollen sie einmal Geld verdienen und eine Familie ernähren. Ohne Schulabschluss und Ausbildung sind diese Erwartungen jedoch kaum zu erfüllen. Vor allem diese ambivalente Erziehung trage dazu bei, dass die Jungen den Anforderungen gar nicht gerecht werden könnten, meint Toprak. Ein wichtiges Buch mit klugen Empfehlungen für eine gelingende Integration.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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