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Claus Peter Kosfeld
Tacheles reden, schon immer

Die Spitzenorganisation der jüdischen Gemeinschaft wurde 1950 gegründet und von bedeutenden Persönlichkeiten geführt

Die offizielle Interessenvertretung der Juden in Deutschland war nach dem Holocaust als Provisorium angelegt. Nur wenige Juden konnten sich vorstellen, im Land der Täter zu bleiben, viele strebten eine Ausreise in den neu gegründeten Staat Israel an oder auch in die USA. Als Anlaufstelle für die Auswanderer nahm schon kurz nach Ende des Krieges 1945 das "Zentralkomitee der befreiten Juden in der amerikanischen Zone" seine Arbeit auf.

Fünf Jahre später wurde in Frankfurt am Main der "Zentralrat der Juden in Deutschland" gegründet, und es ging nicht mehr nur um Auswanderung. Zur konstituierenden Sitzung kamen Vertreter aller vier Besatzungsmächte. Schätzungen zufolge lebten damals noch rund 15.000 Juden in Deutschland, Überlebende der Shoah. Zu Beginn der Nazi-Diktatur 1933 umfassten die jüdischen Gemeinden rund 560.000 Mitglieder.

Neue Perspektive Die Zahl der Juden ging, anders als allgemein erwartet, nach dem Krieg nicht zurück, sondern vergrößerte sich, viele kamen aus dem Exil wieder nach Deutschland, auch aus Osteuropa wanderten Juden ein, so etwa aus Polen. Die "Gemeinden in Abwicklung" erkannten eine langfristige Perspektive in Deutschland, mit dem Zentralrat verfügten die Gemeindemitglieder über einen verlässlichen organisatorischen Überbau.

Auch in die sowjetische Besatzungszone und später die DDR kehrten Juden zurück, um am Aufbau eines sozialistischen Staates teilzuhaben. Statt Ermutigung erlebten sie zunächst jedoch den Terror der Stalin-Zeit, bis der Diktator 1953 starb. Als 1989 die Mauer fiel, kamen die fünf jüdischen Gemeinden der DDR auf rund 400 Mitglieder, sie wurden 1990 in den Zentralrat aufgenommen.

Schiedsgericht Die Spitzenorganisation vertritt die Interessen der jüdischen Bevölkerung und umfasst heute nach eigenen Angaben 23 Landesverbände, 105 Gemeinden und rund 100.000 Mitglieder. Der Zentralrat unterstützt nicht nur die Gemeinden, sondern fungiert als Ansprechpartner für die Politik und hält auch international Kontakte aufrecht, so etwa zum Europäischen Jüdischen Kongress (EJC) und zum Jüdischen Weltkongress (WJC). Der Zentralrat ist außerdem Träger der Hochschule für jüdische Studien (HfjS) und des Zentralarchivs zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland, beides mit Sitz in Heidelberg. Mit der "Jüdischen Allgemeinen" gibt der Zentralrat die einzige überregionale jüdische Wochenzeitung in Deutschland heraus.

Um Streitigkeiten innerhalb der jüdischen Gemeinschaft zu schlichten, verfügt der Zentralrat über eine eigene Schieds- und Gerichtsbarkeit, die 1996 eingerichtet und 2009 um ein Oberes Schieds- und Verwaltungsgericht ergänzt wurde. Es handelt sich um eine eigenständige Rechtsprechung, die aber nur Streitigkeiten zwischen dem Zentralrat und seinen Mitgliedern und zwischen den Organen des Zentralrates betrifft.

Staatsvertrag Finanziert wird der Zentralrat mit staatlichen Mitteln. Basis dafür ist ein Staatsvertrag, der 2003 zwischen der Bundesrepublik und dem Zentralrat geschlossen wurde: "Geleitet von dem Wunsch, den Wiederaufbau jüdischen Lebens in Deutschland zu fördern und das freundschaftliche Verhältnis zu der jüdischen Glaubensgemeinschaft zu verfestigen und zu vertiefen", wie es in der Präambel heißt. Seit 2018 wird der Zentralrat jährlich mit 13 Millionen Euro unterstützt. Das Geld soll unter anderem der Integration jüdischer Zuwanderer und der Erhaltung und Pflege des deutsch-jüdischen Kulturerbes dienen.

Vom Bund gefördert wird auch die liberale Union progressiver Juden (UpJ), der nach Angaben des Bundesinnenministeriums derzeit 25 deutsche Gemeinden und Gruppen angehören, von denen viele auch Mitglieder im Zentralrat sind. Der Bund trägt außerdem zur Hälfte die Kosten für die Sicherung und Betreuung der verwaisten jüdischen Friedhöfe in Deutschland.

Ferner stehen Gelder für mehrere Bauvorhaben zur Verfügung, etwa den Wiederaufbau von Synagogen. Nach dem Anschlag auf die Synagoge von Halle erhielt der Zentralrat einmalig 22 Millionen Euro zur Sicherung jüdischer Einrichtungen. Einen Zuschuss von 22 Millionen Euro gibt es schließlich auch für Projekte im Jubiläumsjahr 2021, wenn 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland begangen werden.

An der Spitze des Zentralrates der Juden in Deutschland standen in den Jahren bedeutende Persönlichkeiten, die das Leben der jüdischen Gemeinschaft geprägt und zur demokratischen Entwicklung der Gesellschaft maßgeblich beigetragen haben. Gleich zwei Mal führte Heinz Galinski den Zentralrat, von 1954 bis 1963 und von 1988 bis 1992. Galinski, der aus Westpreußen stammte, überlebte die Nazi-Konzentrationslager Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen und wurde 1987 zum Ehrenbürger der Stadt Berlin ernannt. Im vergangenen Jahr feierte der Zentralrat in Berlin sein 70-jähriges Bestehen und damit einen Erfolg, den 1950 kaum jemand für möglich gehalten hätte. Zentralratspräsident Josef Schuster merkte an: "Wir beobachten aufmerksam die politische und gesellschaftliche Entwicklung des Landes. Wie in den vergangenen Jahrzehnten werden wir auch künftig unsere Stimme erheben, wenn es nötig ist. Wir reden nicht um den heißen Brei, sondern Tachles, schon immer."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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