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shai Hoffmann
Kristina Pezzei
Der Demokratieaktivist

Der Vielberufler sieht sich als Verfechter von Rechten aller Minderheiten

Ein Blick auf den Internetauftritt von Shai Hoffmann lässt ahnen, was für ein viel beschäftigter Mensch er ist. Sozialunternehmer, Demokratieaktivist, Coach, Crowdfunder, Redner, Autor und vermutlich noch mehr. Dass er jüdisch ist, findet sich auf der Homepage nicht - mit Absicht, wie der Enddreißiger, lockiges Haar und Bart, erzählt. "Es sollte ein Ziel sein in unserer Gesellschaft, dass ich mich mit meiner Religion überflüssig mache." Er wünscht sich, dass es kein Thema mehr sei, dass er jüdisch ist, sondern dass stattdessen über sein Engagement als Demokratieaktivist gesprochen wird, ohne das Attribut jüdisch. "Ich bin deutsch, aber jüdisch."

Shai Hoffmann ist in Berlin geboren. Zuhause sei das Jüdisch-Sein nie groß Thema gewesen, sagt er. Meist sei es um das immer knappe Geld gegangen: Die Mutter kann mangels nachgewiesenem Abschluss nicht als Friseurin arbeiten, der Vater hat sich mit einer Kneipe selbstständig gemacht und zwischenzeitlich viel Geld verloren.

Jüdische Bräuche lebt die Familie intensiv. "Wir hatten immer eine offene Tür, es war eine sehr schöne Atmosphäre", erinnert sich Hoffmann. Ab und zu geht er mit seinem Vater in die Synagoge. Mit der Zeit indes habe er diese Verbindung verloren, sagt er. Der Sinn habe sich ihm nicht mehr erschlossen.

Während die Beziehung zum religiösen Judentum verloren gegangen ist, bleibt die zum traditionellen. "Die Wärme, die mit diesen Bräuchen und Ritualen verbunden ist, möchte ich gern meinem Sohn weitergeben." Mit dem Kleinkind und mit seiner Partnerin, einer nicht praktizierenden Christin, lebt er in Berlin-Schöneberg. Der Sohn soll später die Möglichkeit haben, sich für eine Religion oder keine zu entscheiden, entsprechend offen gestaltet das Paar die Erziehung - eine Möglichkeit, die sich wohl vor allem in Berlin mit seiner Vielfalt an Lebens- und auch Religionsmodellen biete, glaubt Hoffmann. Mehrmals im Jahr reist er nach Israel, wo ein Großteil seiner Familie lebt.

Das Portfolio des Freiberuflers ergibt sich aus dessen Vita: Hoffmann lernt den Beruf des Hotelfachmanns, nimmt danach allerdings lieber an einer Castingshow teil anstatt sich an eine Rezeption zu setzen. Mehrere Jahre lang verdient er sein Geld als Darsteller in Vorabendserien; die Arbeit vor der Kamera helfe ihm in der Projektarbeit bis heute. Eine schwere Krankheit lässt ihn umschwenken, er studiert Betriebswirtschaftslehre, gründet nebenbei die Band "Business Beats" und schließt eine Weiterbildung zum Design Thinking am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam an. Auch von den dort erlernten Methoden profitiere er bis heute - nicht nur für die konkrete Projektarbeit, sondern auch um sich und sein Handeln zu hinterfragen, sagt er.

Auch wenn Hoffmann den jüdischen Hintergrund nicht explizit vermarktet, prägt dieser ihn. Er hält nicht damit hinter dem Berg, wenn er darauf angesprochen wird - schließlich wirft schon sein Vorname Fragen auf. Nach dem Anschlag von Halle schreibt er für "Focus Online" zehn Punkte auf, die sich seiner Ansicht nach sofort ändern müssten. Antijüdisches Verhalten müsse beispielsweise justiziabel, Holocaustleugnung konsequent verfolgt werden. Fördergelder für Demokratieprojekte zu kürzen, sei fahrlässig. "Ich sehe die Notwendigkeit aufgrund der zahlreichen antisemitischen Vorfälle, dass wir Gesichter sichtbar machen müssen", würdigt er den Einsatz von Juden, die bewusst mit ihrer Kultur an die Öffentlichkeit gehen.

Den Anschlag von Halle sieht er als Zäsur; Hoffmann glaubt dabei, dass nur die Gesellschaft als Ganzes etwas bewirken kann. "Projekte gegen Antisemitismus zu finanzieren finde ich genauso notwendig wie die Unterstützung von Projekten gegen antimuslimischen Rassismus", sagt er. "Ich betrachte mich als mehr als einen jüdischen Aktivisten."

Derzeit plant Hoffmann einen "Bus der Begegnungen" anlässlich 1.700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland. Dieser Bus soll unterschiedliche Orte bundesweit ansteuern und mit den Menschen ins Gespräch kommen; geplant sind beispielsweise Filme, Podiumsdiskussionen oder Spiele. "Wir wollen zeigen, wie vielfältig jüdisches Leben ist."

Darüber hinaus geht es bei dem Bus immer auch um das Bewusstmachen demokratischer Errungenschaften, um deren Wertschätzung. Dafür stehe er auch mit seiner eigenen Biografie, sagt Hoffmann und formuliert sein Ziel, nicht automatisch in eine mit Vorurteilen beladene Schublade gesteckt zu werden, nur weil man das eine oder andere mitbringe. Erreicht haben werde er das erst, wenn Deutschland als Einwanderungsland nicht mehr in Frage gestellt werde und sich Minderheiten in der Bevölkerung genauso entfalten könnten wie Mehrheiten, ist er überzeugt. Und damit meint Hoffmann eben nicht nur Juden, sondern alle - egal aus welcher Religion oder Kultur.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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