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linda sabiers
Kristina Pezzei
Die Autorin

Die Berlinerin brauchte Zeit, um ihre Rolle als Stimme eines modernen Judentums anzunehmen

Linda Rachel Sabiers liebt Weihnachten. "Dieses eine Mal im Jahr, in dem man kitschig sein darf, dekorieren, backen, ich mag diese Tage", erzählt die Wahl-Berlinerin, Mitte 30, schwarze lange Haar, bei einem Winterspaziergang durch die Hauptstadt. Dass sie Jüdin ist, sieht Sabiers dabei nicht als störend an - ihr geht es nicht um Religion, eher um dieses heimelige, von Bräuchen geprägte Gefühl zum Jahresende. Ohnehin sieht sich die junge Frau vor allem als "jüdische Deutsche" und als Europäerin, als eine, die mehr in einer Kultur denn an einem Ort oder gar in einer Religion verankert ist.

Die Autorin Sabiers gilt als Stimme eines modernen, jungen Judentums. Eine ganze Weile habe sie sich dagegen gesträubt, gezögert, als das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" sie als "jüdische Autorin" anfragte. Ihr Großvater habe ihr dann nicht nur gesagt, dass man solch eine Chance nicht auslässt. Sondern auch, dass sie ohnehin machen könne, was sie wolle, das Image werde an ihr kleben bleiben. Sie akzeptiert. "Man muss dagegen halten, auf das Jüdisch-Sein reduziert zu werden", sagt Sabiers. "Das Interesse am Judentum muss irgendwie gestillt werden, und dafür gibt es eben Leute wie mich."

Sabiers ist in Köln aufgewachsen, seit zehn Jahren lebt sie in Berlin. Die Vielfalt, die sie hier erlebt - auch innerhalb der jüdischen Gemeinden - habe es in dieser Form in ihrer Heimatstadt nicht gegeben. Berlin stecke einen nicht so schnell in eine Schublade, dafür gebe es zu viele Facetten des Normalseins. Gleichzeitig erfordere es ein wiederkehrendes Sich-Hinterfragen, Sich-Verorten - eine Situation, die Linda Sabiers seit ihrer Kindheit vertraut ist. Jüdische Familien, die in einem Deutschland nach dem Holocaust leben, seien noch weit von einer Selbstverständlichkeit, von Normalität entfernt. Vor mehr als zehn Jahren hat sie versucht, nach Israel auszuwandern. Nach weniger als einem Jahr kommt sie zurück. "Selten ist mir klarer geworden, wie europäisch ich bin", sagt Sabiers rückblickend. "Es ist immerhin noch der Nahe Osten, und mit ihm habe ich nichts gemeinsam."

Durch ihren Beruf sei sie mehr geprägt durch die deutsche Kultur und Sprache, als ihr vorher bewusst gewesen sei. Auch diese Erfahrung macht es ihr leichter, die Aufgabe und ihre Möglichkeiten als jüdische Autorin wahrzunehmen. Sie schreibt Kolumnen für Tageszeitungen und Magazine, verfasst Kurzgeschichten. "Ich bin froh, eine der jüdischen Stimmen in Deutschland zu sein, die berichten kann, dass wir nicht alle gleich sind. Dass ich der israelischen Siedlungspolitik kritisch gegenüber stehe. Dass ich Jüdin bin, aber nicht an Gott glaube."

Ihr Vater entstammt einer christlichen Familie, die Mutter ist Jüdin. Dieser Familienhintergrund macht ihr ein Leben als "jüdische Deutsche" erträglicher, wie sie sagt. Mit ihrer nicht-jüdischen Großmutter hat sie über das Verhalten von Deutschen während der Nazi-Zeit gestritten, auf der mütterlichen Seite sind Familienmitglieder in der Shoah umgekommen. "Das kann und will ich nicht vergessen", sagt sie, ganz abgesehen davon, dass jede jüdische Familie in Deutschland von der Shoah betroffen sei. "Aber mit einem Auge will ich gleichzeitig nach vorn blicken, etwas weiterentwickeln."

Im vergangenen Jahr hat Sabiers geheiratet und den Namen ihres Mannes angenommen. Das Paar lebt in Berlin-Mitte in einer Wohnung. Dort stehen jüdische Leuchter und hängen Plakate aus Tel Aviv; in die Synagoge geht Sabiers unregelmäßig, zugleich hat sie zwischenzeitlich einen sehr kleinen Davidstern um den Hals getragen.

In Berlin-Neukölln würde sie den nicht zeigen, sagt sie und zuckt mit den Schultern. "Ich finde das die richtige Konsequenz, weil ich den Stern ja nicht tragen muss." Immer wieder gibt es Berichte über antisemitische Vorfälle in diesem migrantisch geprägten Bezirk. Antisemitismus beobachtet die Autorin hingegen durchaus in allen Gesellschaftsteilen - während sie die Erfahrung gemacht habe, dass Schuldgefühle wegen des Holocaust eher selbst gemacht als auferlegt seien. "Ich kenne niemanden aus der jüdischen Gemeinde, der sagt, nur weil dein Großvater an der Shoah beteiligt war, hast du auch Schuld."

Als sie mit einer Buchidee an einen Verlag herantritt, hört sie als Antwort: "Tolles Projekt, aber leider haben wir schon eine Jüdin im Programm." Als es in einem öffentlichen Gespräch um das Thema Wohnungskauf geht, vertritt ein studierter Teilnehmer die Meinung, sie als Jüdin müsse ja wegen der Wiedergutmachung keine Grunderwerbsteuer zahlen. In diesen Momenten weiß Linda Sabiers, dass sie als jüdische Autorin noch Aufgaben vor sich hat, dass noch einiges an Wegstrecke bleibt.

Bei jüdischen Festen, die in ihrer Familie ausgiebig gefeiert werden, hat die Autorin oft nicht-jüdische Gäste zu Besuch. Die verbindet mit den Bräuchen dann ungefähr so viel wie Sabiers mit Weihnachten. Und trotzdem fänden sie es gut, sagt sie. "Diese Verbundenheit mit etwas, das gefällt ihnen. Mir auch."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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