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Chajm Guski
Kristina Pezzei
Der Blogger

Der Gelsenkirchener sieht sich als Vertreter eines »feuilletonistischen Judentums«

Ein Jahr nach dem Anschlag von Halle hat Chajm Guski in seinem Blog ein "Reaktionen-auf-Antisemitismus-Bingo" veröffentlicht. Zur Auswahl standen beispielsweise "ein Angriff auf uns alle", "noch entschiedener entgegentreten" und "nie wieder". "Angriff auf uns alle" zählte wegen "Ultraabgegriffenheit" doppelt. "Reaktionen auf antisemitische Vorfälle sind Phrasenzeiten", erklärt Guski die Motivation hinter seinem Post. Auch wenn die Reaktionen auf seinen Beitrag wiederum eher gemischt ausfielen - durch spätere antisemitische Vorfälle und die anschließenden Reden von Politikern sah er seine These bestätigt: Ein paar Tage geben sich alle schockiert, dann ist wieder alles beim Alten.

Guski, Anfang 40, in Gelsenkirchen aufgewachsen und lebend, will mit seinem Blog "Sprachkasse" weder um Lesergunst heischen noch Klischees bedienen. Das Bild eines "Antisemitismus-Onkels" sei ihm zuwider, überhaupt diese Anfragen von Medienvertretern nach dem Motto: "Du bist doch Jude und stehst ein bisschen in der Öffentlichkeit, erzähl doch mal schnell etwas Schlimmes, was dir wieder passiert ist." Solche Anfragen lehnt er ab.

Guski bloggt aus Leidenschaft und ehrenamtlich. Er bezeichnet seine Richtung als "feuilletonistisches Judentum" - eine Auseinandersetzung mit dem, worüber gerade in der jüdischen Szene gestritten wird, welche Strömungen es gibt, zeitgenössische Debatten. "Was passiert in der Welt? Wer spricht mit wem und warum?" Grundsätzlich interessiere ihn darüber hinaus die demographische Entwicklung in jüdischen Gemeinden, sagt er. Die vollziehe sich nach einem kurzen Gegentrend durch Einwanderer aus Osteuropa ähnlich wie die der Gesamtbevölkerung in Deutschland - die Menschen würden älter und es würden weniger.

"Es geht nicht um ,Judentum einfach erklärt'", sagt er. Gewisse Begrifflichkeiten setzt er voraus, den Einblick in bestimmte Debatten auch. "Ich bezeichne die Inhalte definitiv als special interest". Seine Leser wähnt er unter der interessierten Öffentlichkeit, sie dürften eher seiner Generation angehören oder noch ein paar Jahre mehr zählen. Die jüngeren bedienten sich anderer sozialer Kanäle, und sie informierten sich noch mehr gegenseitig beispielsweise über Instagram. "Da ich nicht davon leben muss, ist es für mich okay, dass ich manche nicht erreichen kann."

Als Guski in seiner Studentenzeit mit dem bloggen anfing, gab es im deutschsprachigen Raum kaum Vorbilder. Der junge Mann fand sie im Amerikanischen, aus Spaß begann er mit dem Aufbau einer eigenen Seite in Deutschland - talmud.de beziehungsweise das Blog sprachkasse.de. Inzwischen steht er im Berufsleben, hat eine Familie gegründet und zieht mit seiner Frau zwei Kinder groß. Das Interesse am Diskurs ist geblieben, auch wenn Guski nun etwas weniger Zeit dafür findet. Die Themen werden ihm von Lesern zugetragen, er findet sie über andere soziale Medienkanäle oder in Zeitungen.

Fragestellungen, die explizit um den Holocaust kreisen, tauchen weniger auf. Natürlich sei jüdisches Leben in Deutschland immer mit dieser Frage verbunden und dies könne und solle nicht ausgeklammert werden, sagt er. "Ich platziere das Thema aber nicht mit Absicht." Antisemitische Vorfälle behandelt er - wie eingangs geschildert - auf seine eigene Art.

In seiner Jugend eher liberal orientiert, ist inzwischen eine innere Distanz dazu gewachsen. Guski fühlt sich dem traditionellen Judentum verbundener, empfindet es als passender für das eigene Leben. "In einer alltäglichen Interaktion würden Sie das erst einmal gar nicht merken", sagt er. Indes versuche er, am Sabbat weniger in sozialen Medien aktiv zu sein und sich regelmäßig mit Thora und Talmud auseinanderzusetzen. Seine Kinder, eins davon ist erwachsen, erzieht er "selbstverständlich" im jüdischen Glauben. Aus Vorsicht gibt er wenig über seine Familie preis, wie er sagt. Dass ein Bund mit einer Frau, die nichts mit Judentum hätte anfangen können, "inkompatibel" gewesen wäre, lässt er sich dann aber doch entlocken.

In einer Metropole wie Berlin würde er sicher mehr Vielfalt finden als im Ruhrgebiet, doch auch die Gemeinden und die kulturellen und kulinarischen Angebote in den Städten um Gelsenkirchen hätten sich mittlerweile vervielfältigt. "Außerdem ist das Internet ein gutes Werkzeug, um ein Fenster nach draußen zu bekommen."

Und eben auch, um den Diskurs am Laufen zu halten: Das stete Hinterfragen von Identität nämlich sieht Guski als etwas sehr jüdisches an. Ob sich daraus ein besonderer jüdischer Humor entwickelt hat, wisse er nicht, sagt der Autor - und schließt eine Anekdote an, die er sich angesichts der immergleichen Reaktionsmuster auf Antisemitismus ausgedacht hatte: Nach zahlreichen antisemitischen Vorfällen habe eine Gruppe von Leuten beschlossen, für jeden solchen Vorfall einen Hund zu ermorden. Innerhalb kürzester Zeit hätten die Angriffe aufgehört: Hunde liegen den Deutschen schließlich am Herzen "Sarkasmus", sagt Guski, "darf man sich auch leisten können."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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