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Claus Peter Kosfeld
Zeitlos falsch

Antisemitismus wird auch durch Verschwörungsmythen befördert

Verschwörungsmythen sind oft zeitlos und werden bei Bedarf reaktiviert. Zu ihren Charakteristika gehört, dass die Geschichten erfunden sind, besonders drastisch ausfallen, ja geradezu absurd. Sie finden gleichwohl oder gerade deswegen jenseits aller Fakten zahlreiche Anhänger, die aus unterschiedlichen Gründen gerne bereit sind, die Lügengeschichte zu glauben und weiterzuverbreiten.

Zu den Legenden, die sich schon lange halten, zählt die der jüdischen Weltverschwörung, die unter anderem auf einem Text basiert, der zugleich Fälschung und Plagiat ist: Die sogenannten "Protokolle der Weisen von Zion" dienen bis heute Rechtsextremisten, Antisemiten, Fundamentalisten und Verwirrten als Beleg dafür, dass einflussreiche Juden in aller Welt gemeinsam nach Allmacht streben würden.

Text umgewidmet Die Protokolle, die gar keine sind, gehen auf einen Text zurück, der sich mit einem ganz anderen Thema befasst, nämlich mit Kaiser Napoleon III. von Frankreich. Der französische Autor Maurice Joly (1829-1878) veröffentlicht 1864 ein fiktives Gespräch zwischen den Philosophen und Staatstheoretikern Montesquieu (1689-1755) und Machiavelli (1469-1527), gedacht als Kritik an Napoleon III. Viel später, 1903, erscheint zunächst in Russland ein Text mit ähnlichen Passagen, es geht allerdings nicht mehr um den Kaiser, sondern um Juden, die Philosophen kommen nicht zu Wort, dafür ein ungenannter "Weiser".

Niveaulose Fälschung Geschildert wird in dem frei erfundenen Werk ein vermeintliches Geheimtreffen von Juden, die darüber beraten, wie sie die Weltherrschaft erlangen können. Der "Weise" berichtet dabei den Mitverschwörern über Strategien und Fortschritte, wie der Historiker Norman Cohn in seinem Standardwerk über die "Protokolle" darlegt. Passagen des Textes sind aus dem Werk Jolys abgeschrieben, werden aber nun den Juden zugeordnet. Aus Russland gelangt das Pamphlet nach Deutschland und England, später sogar in die USA.

Die britische Zeitung "Times" deckt 1921 das Plagiat auf. Auch ein Gericht in der Schweiz kommt 1935 zu dem Schluss, dass es sich um eine Fälschung und Erfindung handelt, überdies um einen niveaulosen Text, was den Erfolg der Verschwörungslegende in antisemitischen und reaktionären Kreisen aber überhaupt nicht beschädigt. Die Bezeichnung "Protokolle" suggeriert einen seriösen, faktischen Hintergrund, der nicht existiert. Die "Protokolle" werden in den nächsten Jahren in verschiedenen Ländern gedruckt und avancieren zu einem der am meisten verbreiteten antisemitischen Texte des 20. Jahrhunderts.

Schuldzuweisungen Auch der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) macht das "internationale Judentum" für die Niederlage im Ersten Weltkrieg verantwortlich und führt seinen Sturz 1918 unmittelbar auf die "Weisen von Zion" zurück. Führende Nazis bedienen sich später ausführlich der Verschwörungstheorie, verweisen in Reden und Texten auf die "Protokolle" und nutzen sie für ihre gegen Juden gerichtete Hass-Propaganda. In der Nazi-Zeit wird die gefälschte Textsammlung zum Lehrmaterial an den Schulen.

Die prominente Fälschung wird auch heute noch mit derselben Intention verbreitet, so etwa in arabischen Ländern. Im Bericht des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus heißt es 2017: "Das Internet begünstigt die Verbreitung von Verschwörungstheorien, die in vielen Fällen mit antisemitischen Vorstellungen über eine jüdische oder zionistische Weltverschwörung und Beherrschung der Finanzwelt verbunden sind. Damit entsteht ein großer Resonanzraum für Hassbotschaften mit einer Tendenz zur Resonanzverstärkung."

Wie Cohn schreibt, sind die "Protokolle" "nur die berühmteste und einflussreichste einer langen Reihe von Erdichtungen und Fälschungen" zulasten der Juden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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