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Gedenken
Susann Kreutzmann
Stolpern gegen das Vergessen

75.000 Stolpersteine erinnern vor Wohnhäusern an das Schicksal ihrer ermordeten Bewohner

Vier Kerzen stehen im Hauseingang. Davor ein aufgerissener Bürgersteig. Ende Dezember vergangenen Jahres wurden vor der weißen Stadtvilla in der Hansenstraße 1 im mecklenburgischen Güstrow über Nacht vier Stolpersteine aus dem Gehweg gerissen. Nicht nur für die Lehrerin Peggy Tetzlaff von der Arbeitsgemeinschaft Jüdisches Gedenken war das ein Schock. Seit Jahren putzt und pflegt sie mit ihren Schülern die Stolpersteine in Güstrow. Zunächst hieß es offiziell, es habe sich um Buntmetalldiebstahl gehandelt, sagt Tetzlaff. Doch daran glaubt sie nicht. "Wir gehen von einem antisemitischen Hintergrund aus."

Die vier Stolpersteine erinnern an das Schicksal der jüdischen Familien Wolff und Jacobsohn, die hier wohnten. Die Nazis rissen die Familien auseinander und schleppten sie in Internierungslager. Die meisten Familienmitglieder wurden im KZ Auschwitz ermordet, darunter ein zweijähriges Kind.

"In der Schule haben wir überlegt, wie wir auf den Diebstahl der Stolpersteine reagieren können", sagt Tetzlaff. Auch die Schüler wollten nicht schweigen. Sie entschieden sich für eine Foto-Collage, auf der sie ihre Gefühle ausdrückten. Auf Papierblättern, die sie hochhalten, stehen Worte wie 'sprachlos', 'wütend' und 'Antisemitismus raus aus den Köpfen'. Schon jetzt ist klar, dass die Stolpersteine so schnell wie möglich ersetzt werden sollen. Die Reaktion auf einen Spendenaufruf war groß und hat ein Zeichen gesetzt. "Wir haben festgestellt, obwohl wir so schockiert und wütend über die Situation waren, finden wir trotzdem Lösungen", sagt Tetzlaff.

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das in den 1990er Jahren begann. "Der Mensch ist vergessen, wenn sein Name vergessen ist", heißt es im Talmud. Demnig will den Opfern des Nationalsozialismus - Juden, Sinti und Roma, politisch und religiös Verfolgte, Euthanasieopfer, Homosexuelle, Wehrdienstverweigerer - an ihrem letzten selbst gewählten Wohnort ein Denkmal setzen. Er wählt dafür quadratische, knapp zehn Mal zehn Zentimeter große Steine mit einer Messingbeschichtung - eingelassen in den Gehweg. Es sind bescheidene Denkmäler: Nur das Geburtsdatum und das Datum der Deportation oder Flucht sind eingraviert - mehr nicht. Die Menschen sollen in ihren Wohnvierteln "mit dem Kopf und dem Herzen darüber stolpern", wie Demnig sagt, und im besten Fall weiter recherchieren, wie das Schicksal ihrer ehemaligen Nachbarn war.

Auch im mecklenburgischen Güstrow haben die Initiative Stolpersteine und die Arbeitsgemeinschaft Jüdisches Gedenken recherchiert. Die jüdische Gemeinde war klein, trotzdem gab es ein reges kulturelles Leben. Ende des 19. Jahrhunderts lebten 182 Juden in Güstrow. In der Stadt mit ihren damals rund 29.000 Einwohnern waren sie als Fleischer, Lederhändler, Buchhändler, Lehrer und Kaufleute aktiv. Schon vor Beginn des Zweiten Weltkrieges gab es die ersten Deportationen. Viele jüdische Familien mussten fliehen. Nach Kriegsende war das jüdische Leben in Güstrow ausgelöscht. Nur zwei jüdische Frauen überlebten, weil sie in sogenannter Mischehe lebten.

Individuelle Fertigung Rund 75.000 Stolpersteine sind bislang verlegt, die meisten davon in Deutschland. Aber auch in 26 weiteren Ländern finden sich die Gedenksteine. Demnig ist es wichtig, dass die Steine von Hand gefertigt und von ihm selbst verlegt werden. "Ich habe natürlich auch überlegt, ob ich die Steine fabrikmäßig herstellen kann. Aber Auschwitz war fabrikmäßiges Töten. Für mich ist deshalb die Handarbeit wirklich wichtig, denn jeder Mensch ist ein Individuum. Und jeder Stein soll individuell gefertigt sein", sagt Demnig. 2019 war er 270 Tage für sein Lebenswerk unterwegs. "Solange ich unterwegs sein kann, werde ich das machen. Ich sag immer, ich komme auch mit Rollator." sagt der heute 73-jährige Künstler. Im vergangenen Jahr hat ihn die Corona-Pandemie ausgebremst.

Die Anfragen auf einen Stolperstein kommen sowohl von Angehörigen aber auch von lokalen Initiativen, die sich mit der NS-Vergangenheit in ihren Wohnvierteln, Städten oder Gemeinden beschäftigen. Die Warteliste ist lang geworden.

In Berlin hat Demnig 1996 den ersten Stolperstein verlegt. Inzwischen gibt es in der Hauptstadt rund 8.000 solcher Gedenksteine. Rund drei Viertel der Anfragen kämen von Angehörigen und aus Ländern wie Israel, den USA und Großbritannien, sagt Silvija Kavcic von der Koordinierungsstelle Stolpersteine. "Uns ist wichtig, dass alle Verfolgten des Nazi-Regimes gesehen werden", betont sie. So wurden 2016 beispielsweise fünf Stolpersteine für Wohnungslose auf dem Berliner Alexanderplatz verlegt, die als "Asoziale" von den Nazis verfolgt und ermordet wurden.

Auch wenn die Kritik in den vergangenen Jahren leiser wurde, ist das Projekt von Demnig nicht unumstritten. Für die ehemalige Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, sind die Stolpersteine unerträglich und unwürdig. Das Andenken der Menschen werde sprichwörtlich mit Füßen getreten, sagt Knobloch, selbst Überlebende des Holocaust. In anderen Jüdischen Gemeinden wie zum Beispiel in Hannover und Hamburg gab es ähnlich kritische Stimmen.

Export einer Idee Inzwischen haben sich die Stolpersteine jedoch zum weltweit größten dezentralen Denkmal entwickelt. Anders als Gedenkstätten zur NS-Geschichte wirken die Stolpersteine im Alltag. "Die Stolpersteine finden sich in unserem gewohnten Umfeld und zeigen, dass die NS-Verbrechen nicht nur in der Ferne passiert sind, sondern auch in der eigenen Stadt, der eigenen Straße, im eigenen Haus", sagt die Historikerin Irmgard Zündorf vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam.

Besonders wertvoll findet Zündorf, dass die Verlegung der Stolpersteine allein durch bürgerschaftliches Engagement umgesetzt wird. Doch ein Gedenkstein allein gibt nicht viele Informationen her. Deshalb, so lautet Kritik, ist auch die aufklärerische Wirkung begrenzt. "Ich plädiere deshalb immer für die Kontextualisierung. Man hat einen künstlerischen Gedenkstein, stolpert darüber, wird neugierig und möchte mehr erfahren", betont Zündorf. Viele Initiativen vor Ort haben eigene Internetseiten, in denen die Biografien der NS-Opfer nachgeforscht werden. Auch mit modernen Technologien wie Apps lässt sich Geschichte erfassen. Sie bringen die Stolpersteine zum Reden oder lassen Schicksale mit Fotos und Videos wieder aufleben.

Stolpersteine gibt es in den meisten europäischen Ländern. Dennoch entsprechen sie immer dem Grundgedanken, im Land der Täter ein Gedenken vor Ort zu ermöglichen, wie Zündorf erläutert. In Ländern wie Polen, wo Hunderttausende Juden in Ghettos zusammengepfercht und von dort in die Konzentrationslager transportiert wurden, gibt es nur sehr wenige Stolpersteine - und sie lösen zum Teil Befremden aus. "In Polen müssen der Verlust und die Folgen der NS-Verbrechen nicht noch einmal deutlich gemacht oder in Erinnerung gerufen werden. Sie sind in jedem Ort auch so präsent", sagt Zündorf.

Inzwischen wird die Idee der Stolpersteine in verschiedenen Adaptionen weitergetragen. So erinnern in Spanien Remembrance Stones an die Franco-Diktatur. Die Aktion "Letzte Adresse" erinnert etwa in der Ukraine, Russland und Tschechien an Verfolgte des Stalinismus.

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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