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Synagogen
Leticia Witte
»Salz in der Suppe«

Neubauten sollen dem jüdischen Leben in Deutschland wieder zu mehr Sichtbarkeit verhelfen und Selbstbewusstsein ausstrahlen. Kritik gibt es an der Rekonstruktion der Bornplatz-Synagoge in Hamburg

Wer sich in der Synagoge von Unna ins Gebet versenkt, ist umgeben von leuchtenden Farben. Über dem Kopf das Firmament, unter den Füßen ein fester Boden. Für manch einen Betenden dürfte so eine Verbindung mit Israel entstehen, denn unter den Fliesen liegt eine Schicht Sand aus dem gelobten Land. "Das ist eine wunderschöne Atmosphäre in unserer Synagoge", sagt Alexandra Khariakova, Vorsitzende der liberalen jüdischen Gemeinde im nordrhein-westfälischen Unna. "Die Menschen kommen gerne."

Das Licht dringt im Betsaal durch große Fenster, deren Glas in Blau, Lila oder Rot leuchtet. Auf dem Thoraschrein glänzen Steine, die die zwölf Stämme Israels symbolisieren. Der Schrein steht etwas erhöht ebenso wie die Bima - das Pult, auf dem aus der Thorarolle gelesen wird. Die Thora, das sind die fünf Bücher Mose. An der Decke darüber wölbt sich die Darstellung eines Firmaments. LED-Punkte bilden darauf die Sternenkonstellation in Richtung Jerusalem von Unna aus betrachtet zum Zeitpunkt der Eröffnung der Synagoge nach, wie Architekt Thomas Schmidt erläutert.

Eröffnet wurde sie am 4. Juli 2019. Das Gebäude gehört damit zu den jüngsten Synagogenneubauten in Deutschland. Genau genommen hat der Architekt ein früheres evangelisches Gemeindehaus umgebaut, das die Juden nach den Worten Khariakovas zuvor für ihre Gebete gemietet hatten und dann übertragen bekamen, um dort eine Synagoge zu errichten. Jetzt prangt auf dem ehemaligen Glockenturm zu jeder Seite ein Davidstern.

Ort der Gemeinschaft Eine Synagoge ist ein Haus des Gebets, der Gemeinschaft und des Lernens für Angehörige unterschiedlicher Strömungen innerhalb des Judentums. Zu ihr gehört der Betsaal und oft auch ein Gemeindezentrum mit Versammlungsraum und Küche zum Zubereiten koscherer Speisen. Bis zu den NS-Novemberpogromen von 1938 gehörten die teils prächtigen Gebäude selbstverständlich zum Stadtbild in Deutschland.

Unter den Nationalsozialisten wurde die große Mehrheit der nach unterschiedlichen Angaben bis zu 3.000 Lehr- und Bethäuser ganz oder teilweise zerstört. Manche wurden nach 1945 abgerissen. Heute werden laut Zentralrat der Juden in Deutschland etwa hundert Synagogen und 33 Betsäle genutzt. Weil unterschiedliche Definitionen für Synagogen verwendet würden, sei es schwierig, exakte Zahlen zu erheben, heißt es.

Jüdische Beter in christlichen Gemeindehäusern oder anderen Mehrzweckräumen waren und sind keine Seltenheit. Nach jüdischer Vorstellung ist ein Gottesdienst mit der dafür erforderlichen Mindestanzahl an zehn religiös mündigen Teilnehmern zwar an keinen besonderen Ort gebunden, er legt die Betonung auf das Spirituelle. Gleichwohl bedeuten Synagogen aber eine Sichtbarkeit jüdischen Lebens.

Auffällige Silhouetten Einige Städte mit traditionsreichen Gemeinden haben in den vergangenen Jahren neue Synagogen und Gemeindezentren bekommen: So wurde in der Altstadt von Regensburg 2019 ein Neubau von Architekt Volker Staab am Standort der zerstörten Synagoge eröffnet. Mainz erhielt 2010 die Neue Synagoge mit einer Keramikfassade und einer auffälligen Silhouette, die an die Buchstaben des hebräischen Wortes "Keduscha" ("erhöhen", "segnen") erinnern soll. Der Architekt Manuel Herz sagte einmal, er habe ein Gebäude entwickeln wollen, das die Gemeinde als sichtbaren Akteur im Stadtraum platziere.

In Speyer wurde 2011 die Synagoge Beith-Schalom eröffnet, die mit ihrem elliptischen Sakralraum und seinem Gemeindezentrum ein früheres Kirchengebäude mit einbezieht. Architekt ist Alfred Jacoby, nach dessen Entwürfen mehrere moderne Synagogen entstanden, etwa in Darmstadt, Heidelberg und Aachen.

"Ich möchte nichts Tristes und Dunkles bauen. Ich möchte einen Raum schaffen, der eine Freundlichkeit ausstrahlt", sagt Jacoby. Bei Neubauten von Synagogen sei es das Wichtigste, dass die Gemeinde mit ihrer Synagoge wieder sichtbar in die Stadt gerückt werde.

Mit diesem Ansinnen soll nach Jacobys Entwürfen auch die Synagoge in Dessau entstehen - als "prägnanter Rundbau" neben dem alten Kantorhaus. Als Ort des Gebets ist sie nach Jacobys Entwurf formal aus Elementen der Thora abgeleitet. Der runde Sakralraum kann als Thora-Rolle verstanden werden mit einer Krone, durch die Licht in den Raum fällt. Die leicht erhöhte Frauenempore im Inneren bildet sich nach außen als Thoraschild ab.

Noch keinen Entwurf, aber den Plan für einen Synagogenneubau hat noch eine weitere Gemeinde in Sachsen-Anhalt. In Magdeburg hat die Stadt der rund 430 Menschen umfassenden Gemeinde dafür ein Grundstück nahe der zerstörten Synagoge geschenkt. Das geplante Gebäude mit einem Ritualbad ("Mikwe") soll nach den Worten des Vorstandsvorsitzenden Wadim Laiter "quadratisch, praktisch, gut" werden - und, auch er betont es, ein Zeichen der Sichtbarkeit setzen. Die Form rücke die Funktionalität in den Vordergrund. "Solche Bauten sind auch besser zu schützen." Der Schutzaspekt ist ein zentrales Thema für neue und auch schon länger bestehende Synagogen - nicht erst, aber besonders seit dem Anschlag von Halle im Oktober 2019, bei dem zwei Menschen getötet wurden. Danach stellte die Bundesregierung zusätzlich 22 Millionen Euro bereit, damit Sicherheitsmaßnahmen auf ein "bundeseinheitliches Niveau" angehoben werden könnten, wie es hieß.

An Synagogenneubauten beteiligt sich der Bund häufig finanziell. Das trifft auch auf ein Projekt in Berlin zu, dessen Baustart nach jüngsten Angaben für Mai geplant ist. Das mit 47 Millionen Euro veranschlagte "House of One" soll auf den Fundamenten der früheren evangelischen Petrikirche in Mitte errichtet werden und aus einer Synagoge, einer Kirche und einer Moschee bestehen. Betreten werden soll sie von einem Zentralraum mit einer Kuppel und einer Loggia, die sich zur Stadt öffnet. Das Untergeschoss beherbergt archäologische Funde.

Wilfried Kuehn vom Architekturbüro Kuehn Malvezzi betont, dass es keinen Davidstern an der Fassade, aber auch kein Kreuz und kein Minarett an den anderen Gebäuden geben werde. Die Synagoge sei dem Himmel zugewandt. Auf einem Plateau im Freien sei Platz, um etwa Sukkot, das Laubhüttenfest, zu feiern - gut sichtbar für alle im Herzen der Bundeshauptstadt.

Schrittweiser Aufbau Ulrich Knufinke leitet die Forschungsstelle für jüdische Architektur "Bet Tfila" an der Technischen Universität Braunschweig. Nach der Shoah und ersten Gottesdiensten von Überlebenden in kleinen Räumen nach dem Zweiten Weltkrieg habe es mit dem schrittweisen Aufbau von Gemeinden in den 1950er und 1960er Jahren eine "Neubauwelle" in der Bundesrepublik und teils auch in der DDR gegeben. Die frühesten neuen Synagogen seien in Saarbrücken, Stuttgart und Erfurt entstanden.

Abgesehen von Mindestanforderungen im Inneren wie Platz für den Thoraschrein an der Ostseite, Bima, Sitzmöglichkeiten für mindestens zehn Personen und in orthodox geprägten Gemeinden der Bereich für Frauen sei die Gestaltung offen, sagt Knufinke. "Es gibt keine einheitliche Bauform."

Eine Besonderheit von Synagogen in Deutschland im Gegensatz zu oft bescheidenen Bauten in Israel seien hohe Räume. Die Gebäude richteten sich hierzulande nicht nur an die Gemeinde, sondern immer auch an die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft, erklärt Knufinke. Ihre Architektur sollte zur Auseinandersetzung anregen: "Synagogen sind Objekte mit unglaublich großer Wirkung. So viel Aufmerksamkeit hat kaum eine andere Architektur."

Streit um Wiederaufbau Das offenbart sich nicht nur bei Neubauten, sondern aktuell auch im Streit um den geplanten Wiederaufbau der Hamburger Bornplatz-Synagoge. Bund und Hamburger Senat hatten im November 2020 den Weg für die Finanzierung frei gemacht, eine Machbarkeitsstudie ist derzeit europaweit ausgeschrieben. Doch gestritten wird seit Monaten nicht nur um die Gestaltung der Synagoge, sondern auch um den Sinn eines solchen Wiederaufbaus. An einer Rekonstruktion sei "auf besondere Weise problematisch, dass dadurch das Resultat verbrecherischer Handlungen unsichtbar gemacht und die Erinnerung an dieses Verbrechen erschwert wird", heißt es etwa in einem Positionspapier, an dem auch jüdische Historiker mitgewirkt haben. Zentralratspräsident Josef Schuster ist gleichwohl für den Wiederaufbau: Die Antwort auf extremistische Angriffe müsse ein "Jetzt erst recht!" sein.

Der Vorsitzende der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschland, Andreas Nachama, betont: "Die Synagoge ist der Mittelpunkt einer Gemeinde. Für sie sind Neubauten eine große Bekräftigung und Stärkung." Antisemitismus könne man damit zwar nicht bekämpfen. Aber eine Synagoge habe eine kommunikative Funktion. Ein Synagogenneubau sei "wie das Salz in der Suppe".

Die Autorin ist Redakteurin der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Bonn.

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