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Jüdisches Leben
Philipp Peyman Engel
Von Brüchen geprägt

Viele Juden fühlen sich in Deutschland zu Hause, aber Zweifel bleiben

Am selben Morgen, um fast dieselbe Uhrzeit, als jüngst in Berlin-Lichtenberg die jüdische Kiezkneipe "Morgen wird besser" in Flammen aufging, stand ich mit meiner kleinen Tochter weit weg im Stadtteil Grunewald vor dem Jüdischen Kindergarten und passierte die Sicherheitsschleuse. Die Kita hat einen exzellenten Ruf. Die Erziehung: ein bisschen deutsch, ein bisschen israelisch, ein bisschen russisch, aber immer sehr herzlich und vor allem sehr jüdisch. Als ich die Kleine nach ein paar Stunden wieder abholte, dröhnten wie jeden Freitagmittag aus den Zimmern der Kinder die Shabbat-Lieder. "Schalom Aleichem" kreischten die Kleinen. "Adon Olam". Und natürlich "Lecha Dodi". Lieder, die unsere Vorfahren schon vor Jahrhunderten gesungen haben.

Kurz darauf war ich mit Emil G., dem Inhaber des "Morgen wird besser", zum Gespräch verabredet. Er war fassungslos. Und schockiert. Ganz realisiert hatte er es noch nicht, dass seine Kiezkneipe, die für ihn immer mehr als eine Kneipe war, komplett abgebrannt war. Die Täter hinterließen am Tatort antisemitische Nachrichten.

Emil G., geboren in der Sowjetunion, seit vielen Jahren Berliner, in Lichtenberg eine Institution, ist Jude. In den vergangenen Jahren hatten Rechtsextreme bereits mehrfach seinen Laden gestürmt. Vor einigen Monaten drangen sie wieder in sein Lokal ein und skandierten Parolen wie "Saujude!" und "Ab nach Israel mit dir!". Die Vorfälle wurden jedes Mal angezeigt und sind aktenkundig. Das Landeskriminalamt ermittelt wegen Brandstiftung. Der Staatsschutz prüft politische Motive.

Kiez in Lichtenberg "Wir hatten Glück, dass jemand das Feuer bemerkt hat", sagt Emil G.. "Im Haus wohnen alte Menschen und Familien mit Kindern." Die Kneipe bezeichnet er liebevoll als "Wohnzimmer" seines Kiezes. Hier treffen sich Studenten, Ärzte, Eltern. Weihnachten gibt es einen Tannenbaum, an Chanukka eine Chanukkia. Gefeiert wird beides gemeinsam. Deutschland bezeichnet Emil G. als seine Heimat. Lichtenberg als sein Zuhause. Auf die Frage, wie es nun weitergeht, antwortete er: "Wir machen weiter. Wir lassen uns nicht unterkriegen. Morgen wird besser." Der eigentümliche Kneipenname ist seine persönliche Antwort auf die antisemitischen Anfeindungen.

Warum ich diese beiden Episode erzähle? In Deutschland leben gerade mal 200.000 Juden. Bei einer Gesamtbevölkerung von rund 80 Millionen Deutschen sind das 0,25 Prozent. Zu der Nachkommastelle gehört Emil G. Und zu dieser Nachkommastelle gehören auch meine Tochter und ich. Fast jeder kennt "Fernsehjuden" wie Maxim Biller, Charlotte Knobloch oder Igor Levit, aber der Durchschnittsdeutsche ist mutmaßlich noch nie einem Juden begegnet.

Von dieser Zeitung wurde ich nun gebeten aufzuschreiben, was es bedeutet, im Jahr 2021 als Jude in Deutschland zu leben. Gibt es so etwas wie ein normales jüdisches Leben? Fernab der täglichen Meldungen über judenfeindliche Angriffe? Wie geht man als deutscher Jude mit der Vergangenheit um, die viel mehr von Brüchen geprägt ist als es der vereinigend wirkende Bindestrich in dem viel zitierten Wort der "jüdisch-deutschen Geschichte" suggeriert? Kann man angesichts der Ambivalenzen, die in Deutschland präsenter sind als nirgends sonst, überhaupt ein Leben wie die Mehrheitsbevölkerung führen?

Es sind sehr einfache Fragen. Eigentlich. Tatsächlich ist es schwierig, jemandem die Antwortversuche zu erklären, der selbst nicht jüdisch ist. Oder besser: der nicht jüdischer Deutscher ist. Denn schon meine jüdischen Verwandten, die in Israel, USA oder Australien leben, verstehen es nicht. Warum lebt ihr nicht bei uns, fragen sie. Wie, zur Hölle, kann man als Jude nur in Deutschland leben? Warum ausgerechnet Berlin, wo die Katastrophe ihren Anfang nahm? Die verkürzte Antwort: Deutschland ist unsere Heimat. Hier wurden wir geboren. Hier gehören wir hin. Wenn jemand ein Problem mit uns hat, ist das nicht unser Problem.

Ausgepackte Koffer Die lange Antwort ist etwas komplexer. Unlängst hat sich die Gründung des Zentralrats der Juden in Deutschland zum 70. Mal gejährt. In den ersten Jahrzehnten nach seiner Gründung hatte der Zentralrat das alleinige Ziel, Juden in Deutschland bei ihrer Ausreise zu unterstützen. Die Losung: Nur raus. Nichts wie weg. Deutschland lag in Trümmern, der Holocaust war gerade ein paar Jahre her. Die moralische Schuld der Deutschen unvergleichlich groß. Allen Juden war klar: Die Shoah hat das rund 1.700-jährige Kapitel des deutschen Judentums beendet. Für immer. Doch viele Juden blieben. Man richtete sich ein, wenn auch provisorisch.

Doch irgendwann wurde aus dem Provisorium Kontinuität. Spätestens Mitte der 1970er Jahre wurden die gepackten Koffer langsam ausgepackt. "Wer baut, der will bleiben", brachte es der Chef der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Salomon Korn, anlässlich des Gemeindeneubaus Mitte der 1980er Jahre auf den Punkt. "Die Koffer sind ausgepackt", sagte Charlotte Knobloch Jahre später.

Und in der Tat: Noch nie war das jüdische Leben in der Bundesrepublik lebendiger und etablierter als heute. Und noch nie war eine Bundesregierung bestrebter als heute, jüdisches Leben zu fördern - und Judenhass konsequent zu bekämpfen. Dass es erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik mit Felix Klein einen Antisemitismusbeauftragten gibt, der die Auseinandersetzung mit rechten, linken, querfrontlerischen, muslimischen, "israelkritischen" und Judenhassern anderer Couleur nicht scheut, ist ein Zeichen, auf das viele Juden gewartet haben.

Neue Zweifel Zur Wahrheit indes gehört auch, dass Juden in Deutschland mittlerweile wieder beginnen, sich umzuschauen, wo ihre Koffer stehen. Es ist anstrengend, als Jude in Deutschland zu leben. Denn seit einigen Jahren ist etwas ins Rutschen geraten. In dem Moment, da Juden etwa durch das Tragen einer Kippa erkennbar sind, kann es gefährlich werden. Die Angriffe werden mehr. Und sie kommen von allen Seiten.

Die Brandattacke auf die jüdische Kiezkneipe in Lichtenberg oder der Angriff auf die Jüdische Gemeinde von Halle sind nur die prominentesten Beispiele. Weit weniger bekannt ist, dass viele Juden sich nicht mehr trauen, in der Öffentlichkeit als Jude erkennbar zu sein. Sie sind die ständigen verbalen und physischen Attacken leid. Jüdische Schüler werden regelmäßig von ihren Mitschülern gemobbt - zumeist von Muslimen. Vorträge von Shoah-Überlebenden werden von der antisemitischen BDS-Bewegung gestürmt und niedergebrüllt. Ein Wuppertaler Gericht urteilt, dass ein Brandanschlag auf die hiesige Synagoge als legitimer Akt der Kritik an Israel zu werten sei. Auf Anti-Corona-Demonstrationen werden "Judensterne" getragen, die Maßnahmen der Bundesregierung gegen die Pandemie werden mit der Judenverfolgung verglichen - ein unvergleichlicher Schlag ins Gesicht für die jüdische Gemeinschaft.

Der Redakteur Ronen Steinke hat in seinem neuen Buch "Terror gegen Juden" eine beängstigende Übersicht aller antisemitischen Straftaten seit Gründung der Bundesrepublik aufgelistet. Eng bedruckte 89 Seiten. Und hierbei handelt es sich nur um die bekannten Fälle. Die Dunkelziffer ist signifikant höher. Viele Juden, auch ich, bringen aus Verdruss über die überlastete Justiz judenfeindliche Angriffe nicht mehr zur Anzeige.

Schwer bewacht Während ich diesen Text schreibe, stelle ich mir die Frage: Spinnst du? Wie kannst du nur in diesem Deutschland leben? Warum muss dein Töchterchen hier aufwachsen, in einem Kindergarten, der von einem halben Dutzend Sicherheitskräften bewacht werden muss? Und zugleich freue ich mich darauf, morgen früh das Töchterchen wieder in den jüdischen Kindergarten zu bringen. Zugleich freue ich mich darauf, bald wieder mit den anderen unfassbar untalentierten Läufern des jüdischen Sportvereins Makkabi bei den jüdischen Europameisterschaften anzutreten.

Ich freue mich, bald wieder das sensationelle Sabich in dem etwas schmuddeligen Laden in Neukölln zu essen. Ich freue mich darauf, spätestens an Jom Kippur in der Synagoge Joachimstaler Straße wie immer meinen unzuverlässigen Kumpel zu treffen, weil nur er so genial-unabsichtlich Pointen in den Sand setzen kann, dass selbst die besten jüdischen Witze dadurch noch lustiger werden. Auch das bedeutet es, jüdisch in Deutschland zu sein: Ein Leben zwischen größter Freiheit, im Zweifel aber auch größter Anfeindung zu führen. Es ist nicht leicht, diese Ambivalenz zu akzeptieren. Denn eine Gesellschaft, die dem Antisemitismus einen Spielraum lässt, taumelt in den Abgrund. "Nur wenn Juden hier vollkommen sicher und zuhause sind", hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier jüngst gesagt, "ist dieses Land vollkommen bei sich." Deutschland hat die Wahl.

Der Autor leitet das Feuilleton der Wochenzeitung "Jüdische Allgemeine".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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