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EDITORIAL
Alexander Weinlein
Vom Abendland

Deutschland blickt in diesem Jahr zurück auf 1.700 Jahre jüdisches Leben. Das Jubiläum geht zurück auf ein Edikt des römischen Kaisers Konstantin vom 11. Dezember 321, in dem er festlegte, dass auch Juden Ämter im Stadtrat Kölns bekleiden dürfen. Es ist das früheste schriftliche Zeugnis für jüdisches Leben in Mitteleuropa. Wann genau sich erstmals eine jüdische Gemeinde in der Colonia Claudia Ara Agrippinensium, so der Name des antiken Kölns, bildete, lässt sich nicht datieren. Klar aber ist, dass sich jüdisches Leben im römischen Germanien nicht später als christliches formierte - wahrscheinlich sogar früher. In jedem Fall aber Jahrhunderte bevor sich erstmals das Wort "deutsch" nachweisen lässt.

Die Figur des Wehrmachts-Generals Harras zählt in Carl Zuckmayers Drama "Des Teufels General" den "jüdischen Gewürzhändler" gleich nach dem römischen Feldhauptmann, der einem "blonden Mädchen Latein beigebracht" hat zu den ersten in der Ahnenreihe der Menschen am Rhein, die dort "gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt" haben. "Vom Rhein - das heißt: vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse", beteuert Harras einem jungen Leutnant, der von seiner Verlobten wegen Unklarheiten in dessen Stammbaum und "Ariernachweis" verlassen wurde.

Zuckmayers Drama spielt 1941 und damit in jenem katastrophalen Schicksalsjahr, in dem die von den nationalsozialistischen Rasse-Fanatikern angestrebte planmäßige Vernichtung allen jüdischen Lebens auf dem europäischen Kontinent beginnt. Vernichtet werden sollten nicht nur Millionen von Menschen, sondern auch all die geistigen Blüten, die das jüdische Leben hervorgebracht und die das kulturelle Erbe Deutschlands und Europas bereichert haben.

Mit der Shoah erreichte jene Un-Kultur ihren grausamen Höhepunkt, die sich in den unterschiedlichen Erscheinungsformen des Antisemitismus bis heute durch die Geschichte zieht. Es bedurfte schon eines Gotthold Ephraim Lessings, damit sich ein deutscher Literat erstmals aufmachte, dieser Un-Kultur entgegenzutreten und mit seinem "Nathan der Weise" seinem Freund Moses Mendelssohn, dem Begründer der jüdischen Aufklärung, ein literarisches Denkmal zu setzen. Und diese Kultur sollte das Abendland prägen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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