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Aschot Manutscharjan
Kurz REZENSIERT

Die Diskussion um Identitätspolitik hat Deutschland erreicht. Schon 2018 erkannte Francis Fukuyama in ihr eine der Hauptbedrohungen der westlichen liberalen Demokratien. "Partielle Varianten der Anerkennung", die auf Nation, Religion, Sektenzugehörigkeit, Ethnizität oder Gender beruhten oder auch Individuen, die als "überlegen anerkannt werden wollen", stellten das Verbindende in Frage. Wie schnell Identitätspolitik zu Skandalisierung führt, belegen die Reaktionen auf einen FAZ-Artikel des früheren Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse.

Bernd Stegemann, Professor für Theatergeschichte an der Berliner Hochschule Ernst Busch und Mitinitiator der linken Bewegung "Aufstehen", hat einen wichtigen, wenn auch sehr abstrakten Beitrag zur spätmodernen Öffentlichkeit verfasst. Der Philosoph beschreibt aus der Sicht eines kritischen Systemanalytikers den Zustand unserer Gesellschaft. Bei Identitätspolitik gehe es kaum um einen sachlichen und informativen Diskurs. Im Vordergrund stehe der Skandal, der andere beschämen soll. Um seine Thesen zu belegen, lässt der Autor kein Thema aus: "Die Widersprüche zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Natur und Kultur, zwischen den Nationen, Religionen oder Geschlechtern, alle diese Entscheidungen sollen als obsolet gelten". Stattdessen erlebe unsere Gesellschaft Chaos an den Bruchlinien, die quer zwischen den Menschen, ihren Meinungen und Interessen verliefen. "Niemand ist mehr Teil eines größeren Zusammenhangs, sondern jeder lebt in der Mikroumwelt seiner hochspezialisierten Existenz."

Stegemann fordert, die "Feinde der Öffentlichkeit" nicht in der Ferne zu suchen, bei russischen Trollen oder Tech-Riesen in den USA: "Sie sitzen in uns allen, wenn wir unser herrisches Ich in die Arena führen, oder wenn wir mit lustvollem Schaudern den trotzigen Kämpfen der anderen zuschauen."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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