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Claus Peter Kosfeld
Hilfe aus der Dose

Ein Allheilmittel gegen Covid-19 gibt es nicht. Therapieansätze sollen gezielt gefördert werden

Durch die Entwicklung von Impfstoffen sind mögliche Therapien gegen das Coronavirus in der öffentlichen Wahrnehmung etwas in den Hintergrund getreten. Wer geimpft und damit immunisiert ist, muss im Idealfall eine Ansteckung nicht mehr fürchten und nicht behandelt werden. Noch sind aber nicht so viele Menschen geimpft.

Vergangene Woche sprach Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im Gesundheitsausschuss von knapp 17 Prozent der Bevölkerung, die eine Erstimpfung erhalten hätten. Im zweiten Quartal komme die Impfkampagne richtig in Schwung, auch mit Unterstützung der nunmehr einbezogenen Hausarztpraxen. Zudem hätten die Impfzentren in den vergangenen Tagen Rekorde erreicht mit bis zu 400.000 Impfungen am Tag.

Bei aller Freude über die im Rekordtempo entwickelten Vakzine trüben inzwischen aber vereinzelt auch schlechte Nachrichten das Gesamtbild. Forscher gehen dem Verdacht nach, dass die Vektor-Impfstoffe womöglich in seltenen Fällen zu Hirnvenenthrombosen führen können. Die wenigen bekannt gewordenen Fälle betreffen die Impfstoffe von AstraZeneca sowie Johnson & Johnson aus den USA.

Der US-Pharmakonzern hat nach Berichten über Sinusvenenthrombosen den Impfstart in Europa aufgeschoben. Das Vakzin von Astrazeneca empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) derzeit nur für Personen über 60 Jahren. Personen unter 60, die bereits eine Erstimpfung mit Astrazeneca erhalten haben, sollen die zweite Impfung zwölf Wochen nach der Erstimpfung mit einem mRNA-Impfstoff (Biontech/Pfizer oder Moderna) erhalten. Trotz zunehmender Immunisierung kann es künftig schwere Verläufe geben, die behandelt werden müssen. Bei der Therapie steht ein Durchbruch allerdings noch aus. Die meisten bisher genutzten Wirkstoffe gegen Covid-19 wurden ursprünglich zu einem anderen Zweck entwickelt. Neuentwicklungen brauchen Zeit.

Unlängst sorgte eine Meldung in der medizinischen Fachzeitschrift "The Lancet" für Aufsehen, wonach ein kortisonhaltiges Asthmaspray mit dem Wirkstoff Budesonid schwere Covid-Verläufe verhindern kann. In Studien war aufgefallen, dass Asthmatiker bei einer Corona-Infektion seltener einen schweren Verlauf durchmachten. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sprach von einer überzeugenden Studie, die womöglich ein "Game Changer" sei.

Forschung forcieren Nach Ansicht der FDP-Fraktion muss die Erforschung von Medikamenten gegen das Coronavirus beschleunigt werden. Sollten sich Mutationen stark verbreiten, die ein höheres Ansteckungspotenzial haben und gegen die der Impfschutz womöglich weniger wirksam sei, werde die Bedeutung von Arzneimitteln gegen Covid-19 weiter steigen, heißt es in einem Antrag (19/28434) der Fraktion, der vergangene Woche auf der Tagesordnung stand. Die Grünen verlangen in einem Antrag (19/27552), der ebenfalls beraten wurde, die Erforschung und Entwicklung von Medikamenten gegen Covid-19 auch in späteren klinischen Phasen stärker zu fördern.

Christine Aschenberg-Dugnus (FDP) sagte, ein vollständig wirksames Allheilmittel gegen das Coronavirus sei noch nicht entdeckt worden. Die Suche danach müsse schnellstmöglich vorangebracht werden, denn es gelte, schwerste Verläufe, Spätfolgen und Todesfälle zu verhindern. "Die Forschung muss endlich den Turbo zünden."

Emmi Zeulner (CSU) entgegnete: "Wir haben bewiesen, dass wir Deutsche auch bei der Impfstoffentwicklung schnell sein können." Sie hielt der FDP vor, die Arzneimittelforschung notfalls auf Kosten der Sicherheit vorantreiben zu wollen. Bei der Entwicklung von Medikamenten komme es jedoch auf Sicherheit und Wirksamkeit an: "Das geht halt nicht mal so hopplahopp." Wenn es darum gehe, Studiendesigns oder die klinische Forschung zu beschleunigen, komme man an Grenzen, das ginge zulasten der Patientensicherheit.

Forschungsgelder Nach Ansicht von Paul Podolay (AfD) ist das Krisenmanagement der Bundesregierung gescheitert. Unwissenschaftliche Maßnahmen würden der Bevölkerung als Lösungskonzepte verkauft. Diese Fehlleistungen spiegelten sich auch in der Covid-Medikamentenforschung wider. Wissenschaftler kritisierten zurecht, dass seit Beginn der Pandemie von einer Milliarde Euro nur 17,5 Millionen Euro in die Entwicklung von Medikamenten geflossen sei. Der Rest gehe in die Impfstoffforschung. Podolay forderte, die Erprobung bereits bekannter und neuer Wirkstoffe zu beschleunigen.

Martina Stamm-Fibich (SPD) räumte ein, dass in der öffentlichen Wahrnehmung die Impfstoffe dominierten. Die Entwicklung von Arzneimitteln dürfe jedoch daneben nicht vernachlässigt werden. Daher habe die Bundesregierung im Januar 50 Millionen Euro in die Entwicklung neuer Therapien gegen Covid-19 investiert. Konzepte aus der Impfstoffentwicklung könnten im Übrigen nicht einfach auf die Entwicklung von Therapien übertragen werden. Völlig aus der Luft gegriffen sei die Behauptung, die Zulassungsprozesse seien zu langsam. Die Krise habe gezeigt, dass die Behörden Prozesse sinnvoll beschleunigen könnten.

Grundlagen Für eine weitsichtige Forschung sprach sich Petra Sitte (Linke) aus. "Das nächste Virus, die nächste Zoonose kommt bestimmt." Daher sei eine vorausschauende Planung wichtig und Aufmerksamkeit für solche Krankheiten, die derzeit noch keine Schlagzeilen machten. In der Gesundheitsforschung sei ein langer Atem nötig und Grundlagenforschung, etwa zu seltenen Erkrankungen oder Viren, die die nächste Pandemie auslösen könnten.

Aus Sicht der Grünen-Fraktion hat die Bundesregierung die medizinische Forschung sträflich vernachlässigt. Kai Gehring (Grüne) warf der zuständigen Ministerin Anja Karliczek (CDU) Versäumnisse und Fehleinschätzungen vor. Die Medikamentenforschung hätte parallel zur Impfstoffforschung forciert werden müssen. Auch sei das Wissen über Langzeitfolgen von Covid-19 zu gering. Gehring betonte: "Impfen, Testen, Forschen sind die Gebote dieser Stunde."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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