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EXTREMISMUS
Thomas Gesterkamp
»Ein Scharnier«

Oliver Decker über Autoritarismus, Antisemitismus und Hygienedemonstrationen

Herr Decker, Sie untersuchen seit 2002 alle zwei Jahre antidemokratische Einstellungen. Was hat sich in jüngster Zeit verändert?

Ein Befund ist, dass sich die unterschiedliche Entwicklung von Ost- und Westdeutschland fortsetzt. Unterbrochen nur durch die Finanzkrise gab es im Westen einen Rückgang rechtsextremer Einstellungen, im Osten nicht. Ein weiteres Ergebnis ist der Glaube an Verschwörungstheorien, ein ausgeprägtes Grundmisstrauen - auch wenn es nur in einem Teil der Bevölkerung sichtbar wird.

Die "Autoritarismus Studien" wurden zuvor als "Mitte-Studien" bezeichnet. Warum ein neuer Name?

Beim Start der Forschung standen wir unter dem Eindruck der Pogrome und Gewalteskalationen gegen Zugewanderte in den 1990er Jahren. Zu viele Zuschauende nickten heimlich mit dem Kopf, besonders drastisch war das in Rostock-Lichtenhagen. Wir haben damals untersucht, wie weit rechtsextreme Haltungen in die gesellschaftliche Mitte hinein reichen und festgestellt, dass Ressentiments gegen Migranten weit verbreitet sind. Es handelt sich um ein Viertel der Deutschen, im Osten ist es sogar ein Drittel. Wir wollten die Fiktion auflösen, die im Extremismus-Begriff angelegt ist, man kann ihn nicht auf die Ränder begrenzen. Als nach 2015 diese Einstellungen bei noch mehr Menschen zu Taten führten, war klar: Wir Sozialwissenschaftler brauchen keine Warnhinweise mehr aufstellen, das Phänomen ist offensichtlich. Seither betonen wir bei der Titelgebung die Analyse, Kernbegriff ist die "autoritäre Dynamik".

Was ist damit gemeint?

Es geht um Aggression, um Wut auf der Basis der Fantasie, dass sich Gruppen etwas herausnehmen, das man sich selbst nicht gestattet. Es entsteht Hass auf die, sie sich angeblich nicht an die Regeln halten, denen man sich bedingungslos unterwirft. Die Betroffenen können wechseln, mal sind es die Migranten, mal Sinti und Roma, mal Juden. Wenn das nicht so einfach funktioniert, wird der Wunsch nach Sicherheit und Kontrolle über Verschwörungserzählungen gesucht.

Sie diagnostizieren einen wachsenden "Ethnozentrismus". Was bedeutet der Begriff?

Er ist schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts Gegenstand der Forschung. Ein Element ist der Chauvinismus, die Haltung "Die Deutschen sind anderen Nationen überlegen". Dem gegenüber stehen die "Fremden", die aggressiv abgewertet werden. Solche Haltungen sind eine Einstiegsdroge in den Rechtsextremismus, ein Scharnier zwischen radikaler Rechter und gesellschaftlicher Mitte.

Beim Anschlag gegen die Synagoge in Halle hätte es bei einer weniger gut gesicherten Tür erheblich mehr Tote geben können. Wächst der Antisemitismus?

Der vorher geäußerte Wunsch nach besserem Schutz wurde von den Behörden nicht erfüllt. Dass es diese Tür überhaupt gab, ging auf internationale Vereine zurück, die jüdische Gemeinden finanziell unterstützen. Die Tür hat Leben gerettet, nicht weil vor Ort eine besondere Sensibilität herrschte. Im Gegenteil, das Bagatellisieren durch die Landesregierung von Sachsen-Anhalt war ein niedrigschwelliger Ausdruck von Antisemitismus. Es gibt immer wieder Umwegkommunikationen über das sogenannte "Othering", die Besonderung: Juden werden damit konfrontiert, dass sie eigentlich nicht zu Deutschland gehören.

Hat auch die Islam-Feindlichkeit zugenommen?

Die anti-muslimischen Ressentiments sind nach wie vor hoch. Nach unseren Befragungen fühlen sich mehr als die Hälfte der Ostdeutschen als Fremde im eigenen Land. Diese Einstellungen sind nicht an konkrete Erfahrungen geknüpft, im Gegenteil: Der Hass auf Migranten ist dort niedrig, wo die meisten von ihnen leben, in den westdeutschen Großstädten. Je mehr Kontakt man zu den Menschen hat, umso schwieriger wird es, das Ressentiment aufrecht zu erhalten. Die Erfahrung steht immer dem Hass entgegen.

Ein Thema der letzten Studie war die Corona-Krise. Beunruhigen Sie "Hygiene-Demonstrationen"?

Es kursieren Verschwörungserzählungen wie die, dass Microsoft-Gründer Bill Gates mit der Krise Geschäfte mache. Solche Aussagen erhalten hohe Zustimmungswerte, dahinter steckt der Wunsch, die Welt mit einfachen Erklärungen weniger komplex und gefährlich zu machen. Ein Teil der Demonstrierenden kommt eher aus dem alternativen Milieu, das sind Esoteriker oder Heilpraktikerinnen, Menschen, die eine abergläubige antimoderne Weltsicht haben. Es handelt sich sozusagen um eine noch nicht politisierte, gegen die Aufklärung gerichtete Verschwörungsmentalität. Natürlich ist nicht jeder, der zum Heilpraktiker geht, anfällig für antidemokratische Einstellungen, aber der Angelpunkt ist da. Und bei den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen marschieren eben auch Rechtsextreme mit, die versuchen, die Krise für ihre Zwecke zu nutzen. Die Politik hat das zum Teil mit verschuldet, durch eine Delegitimation der Mitbestimmung in den Parlamenten. Die Abgabe der Verantwortung an die Exekutive mag in Notlagen sinnvoll erscheinen, doch solche Debatten gehören an den Ort, der dafür geschaffen wurde.

Das Gespräch führte Thomas Gesterkamp.

Oliver Decker ist Professor für Sozialpsychologie an der Sigmund Freud Universität Berlin und Direktor des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus und Demokratieforschung an der Universität Leipzig.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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