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Finn Mayer-Kuckuk
Welt der Spione

Untersuchungsausschuss geht möglichen Kontakten von Unternehmensspitze und Geheimdiensten nach

Jan Marsalek, 31, hegt eine Faszination für Geheimdienste. Anders als andere junge Männer mit diesem Interesse hatte er jedoch auch die Chance, diese Faszination auszuleben und aktiv in der Welt der Spione mitzumischen. Marsalek war Vorstandsmitglied der Wirecard AG, einem Dax-Konzern mit vermeintlichem Milliardenumsatz und einer angeschlossenen Bank. Er hatte Zugang zu den Kreisen, in denen er echte Agenten treffen konnte. Marsalek besaß aber noch etwas viel Wertvolleres. Wirecard sitzt als Zahlungsdienstleister im Zentrum globaler Geldströme. Darin befindet sich das, wonach Geheimdienste stets suchen: Informationen. Außerdem konnte Marsalek echte Kreditkarten auf falsche Namen ausstellen lassen. Auch das ist für die Sicherheitsbehörden interessant.

Diese Konstellation könnte zu einer tiefen Verstrickung Marsaleks und der Wirecard AG mit verschiedenen Geheimdiensten geführt haben. Marsalek selbst hat erwiesenermaßen mit seinen Kontakten zu Spionen verschiedener Länder geprahlt. Für einen Ausschuss, der die Fehler und Versäumnisse des Regierungsapparats im Umgang mit Wirecard aufarbeiten will, ist das ein wichtiges Thema. Der 3. Untersuchungsausschuss des Bundestags hat sich daher in der vergangenen Woche zunächst eine Auswertung angeforderter Akten der deutschen Dienste vorlegen lassen. Dann hat er zwei ehemalige Geheimdienstkoordinatoren des Bundes verhört, die beide Verbindungen zu Wirecard hatten.

Der Sonderermittler des Ausschusses, Wolfgang Wieland (Bündnis 90/Die Grünen), berichtete den Abgeordneten über seine Sichtung der Akten von Geheimdiensten. Daraus gehen jedoch kaum Hinweise auf konkrete Berührungspunkte zwischen Wirecard und Geheimdiensten hervor. Lediglich das Bundeskriminalamt habe Kreditkarten von Wirecard verwendet - ironischerweise für Betrugsermittlungen. Der Abgeordnete Danyal Bayaz (Bündnis 90/Die Grünen) sieht den Grund für die fehlenden Belege jedoch in "schlechter Informationsübermittlung der Bundesregierung". Jens Zimmermann (SPD) beklagte sich ebenfalls über die geringe Kooperationsbereitschaft der Regierung: "Wir bekommen hier vor allem geschwärzte Seiten vorgelegt." Es sei schlicht nicht realistisch, dass der BND nie von Marsalek gehört habe.

Ein langjähriger Geheimdienstkoordinator des Bundes bekräftigte die Zweifel daran, ob das vorgelegte Bild vollständig war. Bernd Schmidbauer war in den 1990er-Jahren unter Kanzler Helmut Kohl die Schnittstelle zwischen den Diensten und der Regierung. "Die Dienste müssen Marsalek auf Schirm gehabt haben, sie haben ihn ja benutzt", sagte Schmidbauer. Er selbst war 2018 auf Marsalek aufmerksam geworden. Der Unternehmer hatte geprahlt, über das Produktionsverfahren für das Nervengift Nowitschok Bescheid zu wissen. Außerdem unterhalte er in Libyen gute Geschäftskontakte, obwohl - oder weil - dort ein Bürgerkrieg tobte. Der 82-jährige Schmidbauer traf sich gezielt mit Marsalek zu einem Essen, um ihn auszuhorchen.

Er bescheinigte Marsalek ein umfangreiches Halbwissen zur Welt der Geheimdienste. Insgesamt hielt er es für gut möglich, dass Marsaleks Beziehungen zu Agenten real waren. Diese hätten die Zugriffsmöglichkeit auf Finanzinformationen "offenbar auch genutzt". Marsalek setzte sich nach Auffliegen des Skandals im Juni 2020 an einen unbekannten Ort ab. Kurz zuvor hatte sich herausgestellt, dass die Umsätze und Reichtümer von Wirecard eine Illusion waren, die Marsalek und seine Kollegen durch Tricks vorgetäuscht hatten.

Ein weiterer Ex-Geheimdienstkoordinator bewertete die Person Marsalek anders. Klaus-Dieter Fritsche war von 2014 bis 2018 unter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für die Sicherheitsdienste zuständig und ist heute Lobbyist. Wirecard hatte ihn 2019 als Berater engagiert, um in Berlin "Türen zu öffnen"; mit Marsalek hatte er dabei aber nur wenig zu tun. Fritsche hält die angeblichen Geheimdienstkontakte für Prahlerei. "Leute, die wirklich mit Geheimdiensten zu tun haben, reden nicht darüber." Diejenigen, die darüber reden, seien umgekehrt meist nicht wirklich in die Arbeit eingebunden. Wenn sich Marsalek tatsächlich in Russland aufhalte, wie viele vermuten, dann "Gnade ihm Gott". Denn die russischen Dienste verlangten für jede Hilfe eine konkrete Gegenleistung - und die könne er seit dem Zusammenbruch Wirecards nicht mehr liefern, so Fritsche.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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