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Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Der Friedensstreiter: Tobias Pflüger

E r seufzt erstmal am Telefon. "Es ist grad viel los", sagt Tobias Pflüger. Der Abgeordnete der Linken telefoniert viel herum, um Licht in eines der zahllosen Schicksale in Afghanistan zu bringen: "Eine ehemalige Ortskraft der Bundeswehr hat die Nachricht gekriegt, nicht ausgeflogen zu werden", sagt er. "Nun versuche ich herauszufinden, wer der Absender ist und was das Ganze soll." Pflüger klingt bedrückt.

Der 56-Jährige kommt aus der Friedensbewegung, in der er sich seit der Schulzeit engagiert. Dem Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan stand er von Anfang an kritisch gegenüber. Nach diesem desaströsen Ende, was fühlt er da? Genugtuung? "Nein, dafür ist die Situation zu schlimm. Es ist eine einzige Katastrophe."

"Was in Afghanistan nun passierte, ist ein Versagen, das nicht völlig überraschend kam. Es gab eine Reihe von Hinweisen, dass die afghanischen Polizisten und Soldaten für diesen Staat nicht den Kopf hinhalten würden." Doch auch Pflüger sah den genauen Ablauf der Machtübernahme durch die Taliban nicht kommen. Eine Woche bevor sie in Kabul kampflos einmarschierten, sah er das Land kurz vor einem Bürgerkrieg. "Zum damaligen Zeitpunkt sah es aus, dass noch gekämpft wird", erklärt er.

Und wie geht es nun weiter? Möglichst viele Afghanen sollten jetzt in Deutschland aufgenommen werden. "Das Modell Kanadas mit 20.000 finde ich eine gute Idee." Und mit den Taliban müsse geredet werden, "es geht doch gar nicht anders, aber ich verspreche mir nicht viel davon". Wo zivilgesellschaftliche Strukturen in Afghanistan noch gefördert werden könnten, solle dies geschehen.

Für die Linke sitzt Pflüger im Verteidigungsausschuss. Allerdings ist seinem Engagement in der Partei eine lange Phase der Annäherung vorausgegangen. Pflüger, in Stuttgart geboren, ist Sohn eines Pfarrers und einer Katechetin. "Meine Eltern waren immer sehr aufgeschlossen." Der mittlerweile 92-jährige Vater habe sich im Lauf der Jahre politisch gewandelt, sei früher klar CDU gewesen, aber heute liberaler und offener. "Und meine Mutter war auch bei Eine-Welt-Läden aktiv. Aber links waren beide nie."

Pflüger studierte Politikwissenschaft und empirische Kulturwissenschaft, arbeitete für eine Grünen-Abgeordnete im Stuttgarter Landtag und engagierte sich weiter in antimilitaristischen Netzwerken. 1996 trat er bei den Grünen aus, "weil ich damals schrieb, die Grünen würden demnächst einem Krieg zustimmen"; was 1999 mit dem Kosovokrieg geschah. Er sieht sich aus den sozialen Bewegungen kommend. 2004 kandidierte er parteilos für die PDS und zog ins Europäische Parlament ein. 2008 trat er in die Linke ein, verpasste aber den Wiedereinzug in Straßburg knapp. Dann fragte man ihn, ob er nicht für den Bundesvorstand der Linken kandidieren wolle. Es gelang, "und ich bin dort interessanterweise immer noch". Dabei sehe er sich mehr als Parlamentarier denn als Parteistratege. "Ich setze mich lieber mit inhaltlichen Themen auseinander."

2014 wurde er stellvertretender Vorsitzender, zog 2017 in den Bundestag ein; damals arbeitete Pflüger als Stipendiat der Rosa-Luxemburg-Stiftung an seiner Dissertation, die er dann aufgab. "Zwei Drittel waren fertig, aber ich merkte: Während des Mandats geht das nicht."

An zahlreichen Gründungen war Pflüger beteiligt, wie etwa der "Informationsstelle Militarisierung". Und er beteiligte sich an der Gründung der "Antikapitalistischen Linken", einer dem linken Flügel der Partei zugehörigen Strömung, was man beim Lebenslauf auf seiner Website indes nicht liest. "Das wurde mir zu heftig, ich merkte: Das ist nicht mehr meins". In den nächsten Bundestag würde er gern wieder einziehen, aber es wird knapp: Pflüger steht auf der Landesliste auf Platz Sechs. "In den Umfragen reicht es mal einen Tag, mal reicht es nicht. Das ist nervenaufreibend."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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