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Bundeswehr
Robert Birnbaum
Heldentat im Zeichen des Scheiterns

Nach planmäßigem Abzug evakuierte sie Tausende aus dem Chaos

Das letzte Foto ist so gespenstisch wie der Vorgang, für den es steht: Ein Soldat in Kampfmontur an der Heckrampe eines Transportflugzeugs, von der Nachtsichtkamera in grünes Licht getaucht. Generalmajor Chris Donahue, Kommandeur der 82. Fallschirmjägerdivision, verlässt als letzter US-Soldat Afghanistan. Eine Supermacht gibt sich geschlagen.

Ihre Verbündeten mussten schon Tage vorher abrücken. "Gemeinsam rein, gemeinsam raus" war 20 Jahre lang die Losung für den Einsatz in Afghanistan. Im Nachhinein stößt sie auch vielen bitter auf, die die Mission stets verteidigt haben. Was ein geordneter Abzug werden sollte, endete im Chaos, mit Tod und Leid.

Dabei konnte man erst den Eindruck haben, das Hauptproblem des deutschen Rückmarschs sei ein 27 Tonnen schwerer Stein. Der Findling stand im Ehrenhain des Camp Marmal für die 59 Toten der Bundeswehr. Das Gedenken an die Kameraden buchstäblich mit nach Hause zu nehmen, war vielen ein Anliegen, die in Kundus, Faisabad oder Masar-i-Scharif Dienst getan hatten.

Spezialpioniere schafften den Felsen nach Potsdam zum Ehrenhain im Einsatzführungskommando. Auch sonst verlief der Abzug planmäßig, obwohl er auf Drängen der USA deutlich vorgezogen werden musste. Am 7. Juni übergab der deutsche Kommandeur, Generalmajor Ansgar Meyer, das Lager Camp Marmal in einer feierlichen Zeremonie an die afghanische Armee. Ende des Monats flogen mit der letzten Maschine auch die Soldaten des Kommandos Spezialkräfte heim, die den Abbau sichern sollten. Sie mussten nicht eingreifen.

Fünf Wochen danach fiel Kundus an die Taliban, eine Woche darauf Masar-e-Scharif, drei Tage später standen die Islamisten vor Kabul. Hals über Kopf flüchteten westliche Vertreter an den einzig sicheren Ort: Den Hamid-Karzai-Flughafen am Rand der Millionenstadt, wo rund 6.000 US-Soldaten die Stellung hielten.

Er wurde in den folgenden Tagen für zehntausende Menschen zum letzten Tor in die Freiheit und für andere Zehntausende zum Ort der Verzweiflung. Die Bundeswehr flog eilends rund 200 Soldaten nach Kabul. Zehn Tage lang hielt die Truppe von Generalmajor Jens Arlt unter chaotischen Umständen einen Pendelverkehr mit A400M-Militärtransportern aufrecht. 5.347 Menschen konnten sie ins usbekische Taschkent bringen. In dem Moment, als die letzte deutsche Maschine am 26. August abhob, sprengten Attentäter des "Islamischen Staats" 13 US-Soldaten und bis zu 170 wartende Afghanen in den Tod.

Die Evakuierungsaktion war eine Heldentat und das Eingeständnis des Scheiterns zugleich. Die Bundesregierung musste schwere Fehleinschätzungen einräumen. Weder den Zusammenbruch der afghanischen Armee und Regierung noch den Blitzvormarsch der Taliban hatten Kanzlerin Angela Merkel, ihre Minister und der Bundesnachrichtendienst (BND) rechtzeitig erkannt.

Hinterher verteidigten sich alle damit, dass die USA und andere Verbündete genauso blind waren. Doch nicht nur Politiker der Opposition warfen die Frage auf, ob das Debakel nicht mit Ansage kam. Der Vorwurf steht im Raum, dass bürokratische Korrektheit monatelang vor moralischer Verpflichtung denen gegenüber ging, die als Ortskräfte, Intellektuelle oder engagierte Frauen 20 Jahre lang Verbündete des Westens waren.

Mit der Frage nach der Verantwortung wird sich im neuen Bundestag möglicherweise ein Untersuchungsausschuss befassen. Doch das Desaster hat grundsätzlichere Fragen aufgeworfen. Im Parlament gibt es zwar weiterhin eine breite Mehrheit dafür, Militäreinsätze als äußerstes Mittel der Politik nicht auszuschließen. Aber zugleich herrscht breiter Konsens, dass Möglichkeiten und Grenzen solcher Interventionen nüchterner abgewogen werden müssen. Die Ziele bescheidener zu stecken, ist eine der Lehren aus dem Debakel. Wenn der Bundestag im Frühjahr über den Einsatz in Mali neu entscheiden muss, wird das bittere Ende der Mission am Hindukusch allen vor Augen stehen..

Der Autor ist Parlamentskorrespondent

des Berliner "Tagesspiegel".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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