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Cem Sey
Gotteskrieger in Bedrängnis

Auf breite Unterstützung können die Taliban nicht zählen. Lokale Gruppierungen und die junge Zivilbevölkerung sind ein Hindernis für ihre Herrschaft

Mit ihrer gerade vorgestellten Regierung haben die Taliban ihre Gegner nicht enttäuscht: Als erstes haben sie das Frauenministerium abgeschafft. Stattdessen gibt es jetzt ein Ministerium für Tugend und gegen das Laster. Der bisherige Staat hingegen hat sich in Windeseile aufgelöst - was allerdings nicht überraschend ist. Denn das politische System, das 2001 nach dem Einmarsch der US-Truppen unter massivem Einfluss der USA aufgebaut wurde, stand mit den Traditionen und politischen Realitäten der afghanischen Stammesgesellschaft kaum im Einklang. Weil der Präsidialstaat nach US-Vorbild früh Schwächen aufwies rekurrierte der damalige Präsident Hamid Karsai zusätzlich auf eine traditionell afghanische Institution, die Loya Jirga, die Große Versammlung. Denn weitreichende Entscheidungen ließen sich nicht ohne die Zustimmung der traditionellen Machtzentren, also den Stammesführern und politischen Figuren der verschiedenen Volksgruppen, umsetzen.

Obwohl mit großer Macht ausgestattet, wurde Karsai spöttisch als "Bürgermeister von Kabul" belächelt. Denn die in Kabul getroffenen Entscheidungen wurden in den Provinzen und Distrikten ignoriert oder lokalen Bedürfnissen untergeordnet.

Schwere Irrtümer Bei der Rekonstruktion des Hindukusch-Staates wurden politische Parteien, die es in Afghanistan in großer Fülle gab, zwar vorgesehen. Ihnen wurde aber jede Möglichkeit genommen, entscheidenden Einfluss auf die Politik zu nehmen. Die Auffassung westlicher Berater war, dass Parteien den Afghanen fremd seien. Ein Irrtum, der schwere Folgen hatte. Die gewollte Abwesenheit eines starken Parlaments, in dem politische Parteien Kompromisse aushandeln, verhinderte bis zum Niedergang des neuen Staates den geordneten Interessenausgleich zwischen Stämmen, Minderheiten und gesellschaftlichen Gruppen.

Bis heute gleicht die politische Landschaft Afghanistans einem fluiden Mosaik, welches mit häufig wechselnden Koalitionen nicht zur Ruhe kommt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dies sich auch unter Führung der Taliban nicht beruhigen wird. Die rivalisierende Vorherrschaft zweier Volksgruppen, die der Paschtunen und der Tadschiken verkomplizieren die Lage. Hinzu kommen noch zahlreiche weitere Volksgruppen, darunter die von Mongolen abstammenden, schiitischen Hazaras sowie Usbeken und Turkmenen, zwei Turkvölker. Sie alle gliedern sich auf in miteinander rivalisierende Stämme.

Die Parteienlandschaft spiegelt diese Komplexität wider. Die Taliban genießen keineswegs die Unterstützung der Mehrheit der Bevölkerung. Denn außer den selbsternannten Gotteskriegern gibt es die alten Eliten - die oft Monarchisten sind-, die Muslimbrüder - die eine der stärksten politischen Parteien, die Hisb-i Islami von Gulbuddin Hekmetyar, kontrollieren -, und Dschamiat-i Islami des ehemaligen Präsidenten Burhanuddin Rabbani, die von Tadschiken dominiert wird. Hinzu kommen die Pandschiris, gemäßigte Konservative, die heute vom Achmad Massoud, dem Sohn des gleichnamigen Helden des afghanischen Widerstandes gegen die Sowjets geführt werden, aber lokal begrenzt im Pandschirtal wirken. Außerdem die Dschünbisch-i Islami des usbekischen Warlords Abdurraschid Dostum und Hisb-i Wachdat des Hazara-Warlords Hadschi Mohammad Mohaqiq. Selbst Sozialisten existieren noch. Und natürlich gibt es die von den USA eingesetzten Technokraten um den ehemaligen Präsidenten Aschraf Ghani, obwohl sie zunächst einmal kaltgestellt sind und um ihr Leben fürchten müssen, falls sie das Land nicht verlassen haben. In kleinen Enklaven regiert auch die Terrororganisation "Islamischer Staat".

Großer Mangel Die Taliban stehen vor einer schweren Krise, die sie mit ihrer brutalen Kriegsführung selbst verursacht haben. Zwar rufen sie die ehemaligen Staatsbediensteten auf, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Diese haben jedoch Angst, weil die Taliban sie bis vor einigen Wochen für dieselbe Arbeit an die Wand gestellt hätten. Die Gotteskämpfer haben in ihren Reihen genug Fußvolk, um einen brutalen Krieg zu führen, aber zu wenig gut ausgebildete Fachkräfte, um einen Staat vernünftig zu lenken.

Außerdem sind lokale bewaffnete Gruppen ein Hindernis für die Taliban-Herrschaft. Diese bleiben weiterhin dem einen oder dem anderen ehemaligen Warlord treu und erheben den Anspruch, die lokalen Interessen zu vertreten.

In der nun vorgestellten Regierung der Taliban sitzen ausschließlich Taliban-Führer - die meisten sind Extremisten, wie Siradschuddin Haqqani, der Tausende unschuldige afghanische Zivilisten in Attentaten umbringen ließ. Findet das Land angesichts des Machtvakuums nach 20 Jahren westlicher Einmischung rapide zu seiner "Werkseinstellung" zurück? Wohl nicht ganz. Denn die vergangenen zwei Jahrzehnte haben das Land geprägt. Die trotz massiver Gewaltdrohungen seitens der Taliban stets unerwartet hohe Wahlbeteiligung bei Parlaments- oder Präsidentschaftswahlen ist ein Zeichen dafür, dass die Bevölkerung sich demokratischere Verhältnisse wünscht. Auch gibt es erste Signale dafür, dass die Besiegten eine Widerstandsbewegung aufbauen wollen. Aus allen Städten Afghanistans werden Protestdemonstrationen gemeldet. Wer auch immer künftig die Macht in Afghanistan ergattern wird, wird mit den Bestrebungen nach mehr Modernität und Mitsprache umgehen müssen.

Der Autor ist freier Journalist.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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